Personalisierte Medizin: Warum Gentests und KI das Arztgespräch nicht ersetzen

Bei den Institutsgesprächen 2026 in Bozen diskutierten Fachleute über Chancen und Grenzen neuer Diagnoseverfahren. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Nutzen moderne Tests tatsächlich bringen – und warum Zuhören und Vertrauen für eine gute medizinische Versorgung unverzichtbar bleiben.

Wie viel Diagnostik ist sinnvoll? Und wann verunsichern zusätzliche Testergebnisse mehr, als sie helfen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die dritten Institutsgespräche des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen am 9. Oktober 2026 an der Claudiana. Unter dem Motto „Personalisierte Allgemeinmedizin – Therapie nach Maß“ ging es um Gentests, Biomarker, künstliche Intelligenz und den Umgang mit Patientinnen und Patienten, die sich bereits im Internet informiert oder eigene Testergebnisse mitgebracht haben.

Gesundheitslandesrat Hubert Messner eröffnete die zweisprachige Fortbildung. Er betonte die Schlüsselrolle der Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner, die entscheiden müssten, welche der zunehmend verfügbaren Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten für den einzelnen Menschen tatsächlich sinnvoll seien.

Mehr Befunde bedeuten nicht mehr Sicherheit

Univ.-Prof. Norbert Donner-Banzhoff, langjähriger Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg, zeigte anhand von Studien, dass auffällige Befunde nicht zwangsläufig auf eine behandlungsbedürftige Erkrankung hinweisen. So wurden bei MRT-Untersuchungen von 50- bis 90-Jährigen häufig Meniskusschäden festgestellt, obwohl viele der Betroffenen zuvor keine Beschwerden hatten.

Solche Zufallsbefunde können Ängste auslösen und weitere Untersuchungen nach sich ziehen. Deshalb sollten technische Diagnoseverfahren stets im Zusammenhang mit der Krankengeschichte, dem klinischen Urteil und dem Verlauf möglicher Beschwerden betrachtet werden.

Gentests und Biomarker kritisch bewerten

Mit dem Nutzen neuer Vorsorgeverfahren beschäftigte sich Univ.-Prof. Christian Wiedermann, ehemaliger Primar für Innere Medizin und Public-Health-Forscher am Bozner Institut. Ein Test müsse nicht nur zuverlässig messen und Risiken anzeigen, sondern auch nachweislich zu besseren gesundheitlichen Entscheidungen beitragen.

Während die einmalige Bestimmung des Blutfetts Lipoprotein(a) bei bestimmten Risikokonstellationen empfohlen wird, sind genetische Risikoscores, Tests zum biologischen Alter und Bluttests zur gleichzeitigen Erkennung mehrerer Krebsarten noch nicht ausreichend geprüft. Auch direkt vermarktete Gentests seien kritisch zu betrachten: Studien zufolge ließen sich bis zu 40 Prozent der Befunde zu seltenen Genvarianten klinisch nicht bestätigen.

Wiedermanns zentrale Botschaft: Ein statistischer Zusammenhang mit einer Krankheit bedeutet noch nicht, dass ein Test den Betroffenen tatsächlich nützt.

Zuhören gehört zur Behandlung

Die ethischen und sozialen Folgen kommerzieller Vorhersagetests beleuchtete Dr. Sara Farina von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom. Patientinnen und Patienten müssten die Aussagekraft und Grenzen solcher Untersuchungen verstehen. Zudem könnten privat finanzierte Angebote bestehende Unterschiede beim Zugang zur Vorsorge verstärken.

Der Kommunikationsexperte und Biologe Dr. Stefano Durante aus Rom widmete sich der Frage, wie Ärztinnen und Ärzte mit Menschen umgehen können, die aufgrund von Internetrecherchen, sozialen Medien oder KI-Antworten bestimmte Tests und Behandlungen erwarten. Entscheidend sei, ihre Sorgen ernst zu nehmen, aufmerksam zuzuhören und diagnostische Grenzen verständlich zu erklären. Statt einer Konfrontation brauche es eine gemeinsame Entscheidungsfindung.

Das ärztliche Gespräch sei damit weit mehr als ein Informationsaustausch: Es schaffe Vertrauen und bilde eine wesentliche Grundlage für die Behandlung.

Personalisierte Medizin braucht Orientierung

Institutspräsidentin Dr. Doris Hager-Prainsack betonte, dass personalisierte Medizin in der Allgemeinmedizin nicht bedeute, möglichst viele Werte zu messen. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten herauszufinden, welche Untersuchung tatsächlich weiterhelfe.

Auch der wissenschaftliche Leiter des Instituts, Dr. Giuliano Piccoliori, unterstrich die Bedeutung des Dialogs. Mit der bereits 2022 gestarteten Initiative „12 Tipps für eine erfolgreiche ärztliche Visite“ ermutigt das Institut Menschen, sich auf Arztbesuche vorzubereiten, Fragen zu stellen und offen über Beschwerden, Ängste und persönliche Belastungen zu sprechen. Ebenso wichtig sei es, eigene Vermutungen und bisherige Behandlungsversuche mitzuteilen, bei Unklarheiten nachzufragen und über den weiteren Therapieverlauf zu berichten.

Die Institutsgespräche machten deutlich: Moderne Technik kann die Medizin bereichern, ersetzt aber weder ärztliche Erfahrung noch eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient. Eine gute Behandlung entsteht dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse, medizinisches Urteilsvermögen und die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen zusammenkommen.

Weitere Informationen: Die „12 Tipps für eine erfolgreiche ärztliche Visite“ sind auf der Website des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen zu finden: https://www.institut-allgemeinmedizin.bz.it/tipps-fuer-eine-erfolgreiche-aerztliche-visite/

Im Bild (v.l.n.r.) Dr. Adolf Engl, Dr. Stefano Durante, Prof. Christian Wiedermann, Dr. Sara Farina und Prof. Norbert Donner-Banzhoff