
Bozen – Ausdrucksstarke Gesichter, kontrastreiche Farben und geheimnisvolle Figuren: In der Kleinen Galerie im Durchgang Lauben–Streitergasse begegnen sich derzeit die künstlerischen Welten von Regina Lucia Pizzinini und Ruben Josua Maria Peterlini. Unter dem Titel „Zwischentöne: Die Quintessenz der Ambivalenz“ widmet sich die Ausstellung widersprüchlichen Gefühlen und den feinen Nuancen menschlicher Wahrnehmung.
Mein Besuch wurde zugleich zu einer Begegnung mit alten Freunden. Gerhard Prantl empfing mich herzlich. Ihm verdanke ich auch die Möglichkeit, einst meine eigenen Porträts in Lengenfeld auszustellen. Ebenfalls in der Galerie traf ich Denis Mader, einen vielseitigen Tausendsassa, den ich schon vor Jahren porträtiert hatte. So verband sich der Kunstgenuss mit persönlichen Erinnerungen und langjährigen Freundschaften.
Kaum hatte ich die Galerie betreten, zogen mich die großformatigen Bilder von Regina Lucia Pizzinini in ihren Bann. Ihre ausdrucksstarken Gesichter, die bisweilen grotesken Grimassen, die kontrastreichen Farben und die markanten Pinselstriche entfalteten eine unmittelbare Wirkung. Noch bevor ich Näheres über die Künstlerin wusste, sprachen mich ihre Bilder an. Wer steckt hinter dieser kraftvollen Bildsprache?
Gerhard Prantl gab mir eine kurze Einführung und reichte mir die Einladungskarte. Daraus erfuhr ich, dass Pizzinini 2001 in Wien geboren wurde und heute in Düsseldorf Humanmedizin studiert. Neben ihrem anspruchsvollen Studium widmet sie sich intensiv der Kunst, die sie seit ihrer Kindheit begleitet. Sie arbeitet vorwiegend mit Acryl auf Leinwand, experimentiert aber auch mit Ölfarbe und Spray.
Ihre Bilder wirken spontan und unmittelbar. Die Gesichter vermitteln unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Empfindungen. Kräftige Farbkontraste und ein entschiedener Pinselstrich verleihen den Arbeiten eine besondere Präsenz. Beim Betrachten frage ich mich, welche Gefühle und inneren Spannungen sich hinter den dargestellten Mienen verbergen. Gerade diese Offenheit macht für mich den Reiz ihrer Malerei aus.
Die Laudatio auf Pizzinini hielt bei der Vernissage Florentine Prantl, die Tochter meines Freundes Gerhard. Sie engagiert sich als Kuratorin und vertritt Pro Vita Alpina Österreich.
Auch die Arbeiten des jungen Bozner Malers Ruben Josua Maria Peterlini, Jahrgang 2005, verdienen Aufmerksamkeit. Nach dem Besuch des Kunst-Gymnasiums Walther von der Vogelweide studierte er Malerei an der Accademia delle Belle Arti in Urbino. Neben Ausstellungen sammelte er Erfahrungen bei unterschiedlichen Kunstprojekten, darunter einer Installation für den Smach-Wettbewerb in Alta Badia.
Peterlinis Bildsprache unterscheidet sich deutlich von jener Pizzininis. Sein Pinselstrich ist markant, der Farbauftrag kraftvoll, zugleich besitzt seine Farbgebung eine bemerkenswerte Delikatesse. Aus diesem Zusammenspiel entsteht eine Spannung, die mich besonders anspricht.
Seine Figuren wirken rätselhaft, mitunter geradezu mysteriös. Sie lassen sich nicht auf Anhieb entschlüsseln und entziehen sich einer eindeutigen Interpretation. Vielmehr scheinen sie zwischen verschiedenen Zuständen zu schweben und mehrere Bedeutungen in sich zu tragen. Sie fordern mich auf, länger hinzusehen und eigene Gedanken zu entwickeln.
Die Laudatio auf Peterlini hielt Rahel Peterlini, die sich in der Jugendkultur und in sozialen Projekten engagiert. Der Künstler lebt und arbeitet derzeit in einer Holzscheune nahe einem Bauernhof am Ritten oberhalb von Bozen.
Der Ausstellungstitel „Zwischentöne: Die Quintessenz der Ambivalenz“ bringt den gemeinsamen Nenner beider Positionen treffend auf den Punkt. Es geht um Gefühle und Haltungen, die nebeneinander bestehen, sich widersprechen oder ineinander übergehen können. Während Pizzininis ausdrucksstarke Gesichter unmittelbar wirken, regen Peterlinis geheimnisvolle Figuren zum Nachdenken an. Trotz ihrer unterschiedlichen Handschriften treten die Arbeiten in einen spannenden Dialog.
Für mich zeigt diese Ausstellung, dass Malerei weit mehr vermag, als Sichtbares abzubilden. Sie kann Gefühle verdichten, Widersprüche offenlegen und Raum für persönliche Interpretationen schaffen. Beide jungen Künstler besitzen eine eigenständige Handschrift und das Talent, ihre Betrachter auf unterschiedliche Weise zu erreichen.
Organisiert wird die Ausstellung vom Verein Pro Vita Alpina. Die Begrüßung bei der Vernissage am Freitag, dem 9. Oktober, um 19 Uhr übernahm Luise Gafriller, Obfrau von Pro Vita Alpina Südtirol.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, hat noch bis einschließlich 14. Oktober Gelegenheit dazu. Die Kleine Galerie (Piccola Galleria) im Durchgang Lauben–Streitergasse in Bozen ist täglich von 10 bis 13 Uhr sowie von 16 bis 19 Uhr geöffnet.
Mein Besuch hat sich gelohnt – wegen der eindrucksvollen Bilder ebenso wie wegen der Begegnungen mit alten Freunden. Regina Lucia Pizzinini und Ruben Josua Maria Peterlini zeigen auf ihre jeweils eigene Weise, wie spannend und vielschichtig die Zwischentöne menschlicher Gefühle sein können.





