Zwischen Kunst, Klinik und gesellschaftlichem Tabu: Innsbruck setzt Zeichen für mentale Gesundheit rund um die Geburt

An der Nordfassade des Chirurgie-Gebäudes der tirol kliniken Innsbruck ist seit Kurzem eine großflächige künstlerische Intervention zu sehen, die bewusst irritiert und zum Nachdenken anregt. Auf einem 540 Quadratmeter großen Baustellennetz prangt eine mit pinkem Tüll gestickte Botschaft der internationalen SOLANGE-Serie – eine Installation, die Kunst, Wissenschaft und gesellschaftliche Aufklärung miteinander verbindet.

Die 34. Arbeit der Reihe entsteht im Kontext des Forschungsprojekts „Healthy Minds“, das an der Medizinische Universität Innsbruck unter Leitung von Jean Paul durchgeführt wird und vom FWF gefördert ist. Ziel des Projekts ist es, psychische Belastungen rund um Schwangerschaft und Geburt stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und bestehende Stigmata abzubauen.

Im Zentrum der aktuellen Installation steht ein häufig missverstandenes Thema: der Unterschied zwischen sogenanntem „Babyblues“ und einer peripartalen Depression. Während der Babyblues – ausgelöst durch hormonelle Veränderungen, Stress und Schlafmangel – meist nach wenigen Tagen von selbst abklingt, handelt es sich bei der peripartalen Depression um eine ernsthafte psychische Erkrankung, die professionelle Unterstützung erfordert.

Die Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka begleitet das Forschungsprojekt mit ihrer feministischen SOLANGE-Serie. Ihr Ansatz: Kunst im öffentlichen Raum soll gesellschaftliche Debatten sichtbar machen. Der aktuelle Slogan entstand partizipativ – aus rund 350 Einreichungen von Mitarbeitenden der Klinik, der Universität und der Öffentlichkeit.

„Es ist mir ein großes Anliegen, dass alle Gefühle rund um das Kinderkriegen sichtbar und besprechbar werden“, so Cibulka. Emotionen von Müttern und Vätern würden gesellschaftlich oft unterschiedlich bewertet, was zu zusätzlichem Druck führen könne. Auch die Rolle der Väter und ihre psychische Belastung werde noch zu selten thematisiert.

Fachlich wird dieser Ansatz durch das „Healthy Minds“-Team gestützt. Laut Projektkoordination zeigen Studien, dass bis zu 80 Prozent der Frauen nach der Geburt einen Babyblues erleben, während etwa jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann im Zeitraum von Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes an einer Depression oder Angststörung erkrankt. Risikofaktoren reichen von Überlastung über medizinische Komplikationen bis hin zu sozialen und finanziellen Belastungen.

Neben der Forschung steht auch die Verbesserung der Versorgungsstrukturen im Fokus. Ziel ist es, Unterstützungsangebote besser zu vernetzen und niederschwellige Zugänge zu schaffen – etwa durch spezialisierte Sprechstunden, Eltern-Kind-Betten in psychiatrischen Einrichtungen sowie aufsuchende Betreuungsangebote.

Parallel dazu wird das Chirurgie-Gebäude selbst derzeit umfassend saniert. Die Bauarbeiten an der Fassade dienen zugleich als Träger der Kunstinstallation. Im Rahmen der thermischen Sanierung werden Fassadenplatten erneuert, Fenster ausgetauscht und energetische Verbesserungen umgesetzt. Bis Ende 2027 soll das Gebäude modernisiert und energieeffizienter gestaltet sein – bei laufendem Klinikbetrieb.

So verbindet sich an einem Ort in Innsbruck Architektur, Kunst und Medizin zu einem öffentlichen Raum, der nicht nur saniert, sondern auch gesellschaftlich aufgeladen wird: als sichtbares Zeichen für ein Thema, das oft im Verborgenen bleibt.

Im Bild: Theresa Geley (Gesundheitsdirektorin, Land Tirol), Thomas Klestil (Medizinischer Geschäftsführer, tirol kliniken), Katharina Cibulka (Künstlerin), Healthy Minds-Projektleiterin Jean Paul, Patrizia Stoitzner (Vizerektorin für Forschung und Internationales, Med Uni Innsbruck), Abteilungsleiter Roland Meixner (Abt. Bau und Technik, tirol kliniken), Christine Hörtnagl (Leiterin der Sprechstunde für Peripartale psychische Gesundheit) vor dem Chirurgie-Gebäude in Innsbruck an dessen Fassade heute ein Baustellennetz mit dem aufgestickten Solange-Satz ausgerollt wurde/c-MUI/F. Lechner