
Bozen – Der Eppaner Paul Herbst ist erst 16 Jahre alt, weiß aber bereits ganz genau, was er will: seine Leidenschaft für das Klavierspiel zum Beruf machen. Wir treffen uns zum Gespräch in der Bar des Hotel Laurin in Bozen. Überpünktlich erwartet mich der junge Mann auf den Treppen des ehrwürdigen Gebäudes – in kurzen Hosen und T-Shirt, die Schultasche bei sich. Ich hatte Paul eher im schwarzen Anzug mit Fliege in Erinnerung.
Wir nehmen in der Bar Platz und bestellen beide einen Kaffee. Schon nach den ersten Sätzen wird klar, dass der selbstbewusste junge Mann gegenüber das, was er tut, mit großer Begeisterung macht. „Ich liebe die Musik“, sagt er – und man spürt es sofort.
Den ersten Kontakt zum Klavier hatte er bereits als kleines Kind, mit sechs Jahren begann er Klavierunterricht in Kaltern zu nehmen, später an der Musikschule in Eppan. Zurzeit besucht Paul das Gymnasium „Walther von der Vogelweide“ in Bozen mit musikalischer Ausrichtung und studiert gleichzeitig Klavier am Konservatorium.
Wir sprechen über Komponisten und musikalische Epochen. Auf die Frage, welche Epoche er besonders liebt, zögert Paul nicht lange: „Die Romantik.“ Das Repertoire dieser Zeit sei sehr anspruchsvoll, erklärt er, man müsse jedoch aufpassen, sich nicht zu sehr darin zu verlieren. Besonders angetan haben es ihm Frédéric Chopin und Franz Liszt. Wenn er von Liszt spricht, beginnen seine Augen zu strahlen – fast so, als würde er dessen Leben miterleben. Er erzählt von der Tiefe dieser Musik und davon, wie wichtig es sei, sich intensiv mit den Biografien der Komponisten auseinanderzusetzen, um ihre Werke historisch und kulturell richtig einordnen zu können.
„Und wie ist es mit der Klassik?“, frage ich – fast ein wenig provokativ.
„Mit der Klassik muss man vorsichtig sein“, antwortet er. „Die großen Komponisten der Klassik verlangen eine Strenge, die man weder im Barock noch in der Romantik findet.“ Johann Sebastian Bach nennt er schlicht ein Genie. „Ich frage mich, wie er das ‚Italienische Konzert‘ komponieren konnte, obwohl er den deutschsprachigen Raum nie verlassen hat.“ Auch Domenico Scarlatti fasziniert ihn: „Seine Sonaten erlauben dem Pianisten Freiheiten, die man sich bei anderer Klavierliteratur kaum leisten könnte. Sie laden geradezu dazu ein, etwas zu wagen.“ Faszinierend.
Am Konservatorium studiert Herbst bei Bruna Pulini, zusätzlich wird er außerhalb vom Pianisten Andrea Bonatta unterstützt. Immer wieder sucht er Möglichkeiten, sich in Meisterkursen weiterzuentwickeln und seine musikalischen Fertigkeiten zu verfeinern.
Dass er „etwas drauf hat“, konnte er bereits mehrfach unter Beweis stellen. Im vergangenen Jahr hat er bei mehreren Klavierwettbewerben erste Preise errungen und sich unter anderem für die Vorauswahl in Hamburg des „Gina Bachauer International Piano Competition“ qualifiziert – einem der renommiertesten Klavierwettbewerbe, der im Juni in Salt Lake City (Utah, USA) stattfindet.
Eine wichtige Auszeichnung, die sich in eine ganze Reihe von Erfolgen einfügt, die er im Jahr 2025 erzielt hat:
– 1. Preis beim Wettbewerb „J. S. Bach“ in Sestri Levante
– 1. Preis beim 7. „László Spezzaferri International Music Prize Verona“
– 1. Preis beim 12. Internationalen Klavierwettbewerb „Città di San Donà di Piave“
– 1. Preis beim 6. „MozArte International Piano Competition Aachen“
– 2. Preis beim „Internationalen Klavierwettbewerb Città di Minerbio“, verbunden mit einem Sonderpreis für die beste Interpretation eines romantischen Stücks sowie der Erstellung eines EMCY-Profils (Europäische Union der Musikwettbewerbe für junge Musiker) zur Förderung von Konzerttätigkeiten
Sich auf Wettbewerbe vorzubereiten und im Konzert zu spielen, seien zwei unterschiedliche Dinge, erklärt der junge Pianist: „Im Konzertsaal ist man freier, bei Wettbewerben ist die mentale Vorbereitung eine andere. Man muss sich häufig sehr strikt auf das Programm konzentrieren und die Vorgaben genau einhalten.“
Paul Herbst bringt Talent und Ausdauer mit – doch beides allein genügt nicht. Auch gezielte Unterstützung ist unerlässlich. Musik ist in Südtirol kein Fremdwort, sondern ein zentraler Bestandteil der kulturellen Identität. Umso wünschenswerter wäre es, wenn sich auch lokale Unternehmer verstärkt dafür einsetzen würden, junge Talente wie ihn finanziell zu fördern – sei es bei Weiterbildungen im Ausland oder auf ihrem weiteren künstlerischen Weg. So könnten sie ihr Potenzial voll entfalten und ihr Können eines Tages auch in der Heimat zur Wirkung bringen.
Im Bild: Paul Herbst