Mit einem personellen Wechsel markiert die Diözese Bozen-Brixen einen weiteren Schritt in der sensiblen Auseinandersetzung mit den Themen Missbrauch und institutioneller Verantwortung: Gottfried Ugolini legt zum Jahresende seine Aufgaben als diözesaner Referent für Prävention sowie seine Mitarbeit in der Steuerungsgruppe des Projekts „Mut zum Hinsehen“ nieder und widmet sich künftig einer neuen, besonders anspruchsvollen Aufgabe – der Seelsorge für Betroffene und Mitbetroffene von Missbrauch und Gewalt.
Nach 15 Jahren Aufbau- und Pionierarbeit in der Präventions- und Aufarbeitungsarbeit sieht Ugolini den Zeitpunkt für einen geordneten Übergang gekommen. Projekte wie „Mut zum Hinsehen“ laufen weiter, die Verantwortung wird neu verteilt. Für Ugolini selbst bedeutet der Schritt keine Abkehr, sondern eine Verschiebung des Schwerpunkts: weg von organisatorischer Steuerung, hin zu direkter Begleitung von Menschen. Als Seelsorger wird er künftig jenen zur Seite stehen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder als Angehörige indirekt betroffen sind – in persönlichen Gesprächen, bei Besuchen oder in vereinbarten Treffen.
Auch kulturpolitisch ist dieser Schritt relevant. Die Kirche befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Lernprozess, der nicht nur strukturelle Reformen, sondern auch eine veränderte Haltung verlangt. Ugolinis langjährige Arbeit steht exemplarisch für diesen Wandel: Der Aufbau von Ombudsstellen, die Vernetzung mit staatlichen Institutionen, die Professionalisierung von Verfahren und die Zusammenarbeit mit Fachstellen zeigen, wie sehr sich kirchliche Kultur weg von Abschottung hin zu Transparenz und Verantwortung bewegt hat.
Parallel dazu läuft in der Diözese eine umfassende Reorganisation der Strukturen. Ausgelöst durch externe Gutachten arbeitet man an klareren Zuständigkeiten, transparenten Abläufen und neuen Leitungsmodellen. Mit der Einbindung neuer Verantwortlicher soll die nächste Phase der Aufarbeitung auch institutionell abgesichert werden.
Der Wechsel Ugolinis steht damit stellvertretend für einen größeren kulturellen Prozess innerhalb der Kirche: weg von der ausschließlichen Verwaltungslogik, hin zu einer Kultur des Zuhörens, der Begleitung und der Verantwortung gegenüber den Betroffenen. In einer Institution, die lange als verschlossen galt, sind genau solche Schritte entscheidend für Glaubwürdigkeit und Erneuerung.
Im Bild: Gottfried Ugolini