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Vom Heldentum zum „schmutzigen Krieg“

13 Maggio 2014

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Vom Heldentum zum „schmutzigen Krieg“

Seit 1945 war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Österreich über Jahrzehnte von einer eigentümlichen Distanz geprägt. Während der Zweite Weltkrieg als
gegenwartsrelevant und emotional aufgeladen behandelt wurde, galt der „Große Krieg“ der Jahre 1914–1918 in der Geschichtswissenschaft wie im öffentlichen Geschichtsbild als Ereignis einer abgeschlossenen, versunkenen Epoche mit geringer Bedeutung für die Vorstellungen von österreichischer Identität. Auf Einladung des
Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte der FUB beschäftigt sich der an der Universität Graz tätige Historiker Werner Suppanz mit der österreichischen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.

Der „habsburgische Mythos“ (Claudio Magris) als vermeintlicher Ausdruck österreichischer Kultur und Mentalität sparte den Ersten Weltkrieg weitgehend aus oder behandelte ihn als klassischen Staatenkrieg des 19. Jahrhunderts. Diese Haltung ist nicht selbstverständlich. Unter anderem das britische Beispiel zeigt, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in anderen Ländern nicht nur von weitaus größerer politischer und gesellschaftlicher Bedeutung sein kann, sondern das Bild des Krieges auch ein weitaus moderneres – als Beginn des „kurzen 20. Jahrhunderts“ (Eric J. Hobsbawm) – sein kann. Aber auch in Österreich erweist sich in einer längerfristigen Sicht seit 1918 das kollektive Gedächtnis als wandelbarer und differenzierter, als man vermuten möchte.

Der Vortrag von Werner Suppanz befasst sich daher schwerpunktmäßig mit mehreren Fragen: Zunächst geht es um die Kontroversen der Repräsentation des Ersten Weltkriegs in der Ersten Republik und ihre Festschreibung im Austrofaschismus: Heroisierung und Nationalisierung im Sinne einer Deutung als Krieg des Deutschtums und um deutschen Boden sowie die Fokussierung auf die Italienische Front stehen in diesem Zusammenhang im Mittelpunkt. Zweitens wird die „Überschreibung“ des Ersten Weltkriegs durch den Zweiten Weltkrieg nach 1945 thematisiert: Die „Demodernisierung“ des Kriegs von 1914 bis 1918 sowie das Bild der „sauberen“ und „ehrenvollen“ österreichischen Kriegsführung in bewusstem Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg des nationalsozialistischen Deutschlands bestimmten die Erinnerung in der Zweiten Republik über lange Zeit.

Drittens ist die Bedeutung der lokalen und regionalen Erinnerung von zentraler Bedeutung. Besonders relevant sind in Österreich die unterschiedlichen lokalen und
regionalen Bedingungen für die Formulierung einer Erzählung vom Ersten Weltkrieg. Insbesondere in der Zwischenkriegszeit war sichtbar, wie sehr unterschiedliche politische Machtkonstellationen – sozialdemokratische oder bürgerliche Dominanz – und regionale Betroffenheiten vom Krieg unterschiedliche Deutungen bestimmten. Diese Unterschiede prägen bis zur Gegenwart die Sichtbarkeit des Ersten Weltkriegs im öffentlichen Raum.

Und schließlich beschäftigt sich der Vortrag mit der Frage nach den Auswirkungen der internationalen Forschung und der Annäherung an das Gedenkjahr 2014 auf die
Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt steht hier die zunehmende „Remodernisierung“ durch die Wahrnehmung als Krieg des 20. Jahrhunderts, der auch schon auf den Zweiten Weltkrieg verweist. Erinnerungsarbeit umfasst nun die von 1914–1918 ausgehend in die Zukunft weisenden Aspekte wie die Einrichtung eines Lagersystems in Österreich, die Wegbereitung zum totalen Krieg und die Kriegsgräuel der k.u.k. Armee.

Diese vier Schwerpunkte thematisieren jeweils auch die Frage nach den dazu gehörigen Orten des Gedächtnisses. Anhand von Denkmälern und anderen Medien des Gedenkens geht der Vortrag auf die Sichtbarkeit des Ersten Weltkriegs und seiner konkurrierenden Deutungen bis zur Gegenwart ein.

Zur Person: Werner Suppanz hat an der Universität Graz Rechtswissenschaften und Geschichte studiert. Von 1996 bis 2004 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Spezialforschungsbereich (SFB) „Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900“; von 2007 bis 2011 war er Leiter des FWF-Forschungsprojektes „Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis der Zwischenkriegszeit. Seit 2009 ist er Professor am Institut für Geschichte/Fachbereich Zeitgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. Er forscht vornehmlich zu Fragen der Gedächtnis- und Identitätspolitik und zur politischen Kulturgeschichte.

Termin: Freitag, den 16. Mai 2014, 17.30 Uhr, Hörsaal D 102, Freie Universität Bozen, Universitätsplatz 1

Bildbeschreibung: Die nach 1918 entstehenden Kriegerdenkmäler preisen die Gefallenen als „Helden“/ Denkmal am Friedhof Leoben von Anton Weinkopf, 1926

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