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AR/GE KUNST GALERIE MUSEUM “Die unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)”

11 Settembre 2014

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AR/GE KUNST GALERIE MUSEUM “Die unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)”

AUSSTELLUNG – DIE UNBEQUEME WISSENSCHAFT (THE UNCOMFORTABLE SCIENCE)
20. September –  15. November 2014

ERÖFFNUNG 19. September, um 19 Uhr – GARETH KENNEDY

„STUBEN-FORUM“ 20. September, 15 – 18 Uhr, Ausstellungsdesign von Harry Thaler – Produktion von Josef Rainer and Verena Rastner

Kuratiert von Emanuele Guidi 

Die Unbequeme Wissenschaft ist das Ergebnis von Recherchen, die der irische Künstler Gareth Kennedy im Rahmen des ersten Einjährigen Forschungsprojekts bei ar/ge kunst unternommen hat. Eingeladen mit Blick auf seine Arbeiten zu Volks- und Populärkulturen, ließ sich Kennedy hier auf eine Erkundung der belasteten Geschichte von Folklore und visueller Anthropologie in Südtirol ein.

Als deutschsprachiges, nach dem 1. Weltkrieg von Italien annektiertes Gebiet verfügt Südtirol über eine spannungsgeladene Vergangenheit als Anwendungsgebiet ideologisch kompromittierter Wissenschaften – italienische Geographen und österreichische Ethnologen gleichermaßen erzeugten Mythen der ‘wahren Ursprünge’ von Ort und Bevölkerung.

Im Rahmen von fünf Aufenthalten in diesem und letztem Jahr, führten Kennedys Nachforschungen ihn zur ‘Kulturkommission’ der SS-Studienorganisation ‘Ahnenerbe’[1], die zwischen 1939 und 1942 in Südtirol aktiv war. Nach Wolfram Sievers, dem Leiter von ‘Ahnenerbe’, bestand die Hauptaufgabe der Kommission „in der Erforschung und Verarbeitung des gesamten Materials sowie der geistigen Güter von … völkischen Deutschen”[2]. Das Forschungsunterfangen wurde in der Zeit einer systematischen Aufteilung der Bevölkerung zwischen dem faschistischen Italien und dem Dritten Reich realisiert. Dabei sah die Option, eine Vereinbarung der Achsenmächte von 1939, die Umsiedelung der deutschsprachigen Bevölkerung vor. Im Widerspruch zur nationalsozialistischen Ideologie wurde die kulturell und ethnisch deutsche Bevölkerung vor die Wahl zwischen Blut oder Boden gestellt: Sie sollte entweder in das Dritte Reich auswandern und ihre deutsche Kultur und Identität behalten, oder vollständig italienisiert werden.

In der vielleicht größten volkskundlich-linguistischen Feldforschungsaktion der Geschichte, dokumentierte die ’Kulturkommission’ erschöpfend die modischen, sprachlichen, populärkulturellen und musikalischen Bräuche der alpinen Bevölkerung. Ihre Kultur sollte erhalten und ihnen nach der Umsiedelung in die Tatra, nach Burgund oder auf die Krim wieder zugänglich gemacht werden – Anthropologie als politisch verordnete Bergungsaktion.

Nach Besuchen von Forschungsarchiven und Museen in Bozen, Innsbruck und Wien, stellte Kennedy ein Ensemble von fünf Charakteren mit Bezug auf diese unbequeme Episode der anthropologischen Wissenschaft in Südtirol zusammen. Fünf regionale Maskenschnitzer wurden beauftragt je einen der Charaktere zu schnitzen. Diese stellen dar: Richard Wolfram, den Leiter der ‘Kulturkommission’; den Ethnomusikologen Alfred Quellmalz; den Fotografen Arthur Scheler und den Anthropologen Bronislaw Malinowski, der, ein häufiger Urlaubsgast in Südtirol, der Tatsache der Anwendung anthropologischer Forschung von Europäern auf Europäer sehr kritisch gegenüberstand, da er dies als ideologisch kontaminiert ansah. Ebenfalls ins Ensemble aufgenommen wurde Ettore Tolomei, ein italienischer Faschist, Geograph und Irredentist.

Im Zusammenhang der Geschichte der Südtiroler Theatertradition interessiert sich Kennedy dafür, was innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontexts überhaupt aufgeführt werden kann und was Tabu bleibt. So haben die genannten Personen in Südtirol bislang noch nie den Weg auf die Theaterbühne gefunden. ar/ge kunst zeigt neben den Masken einen 16 Millimeter Film über die Maskenschnitzer bei der Arbeit. Zusätzlich wird eine sorgfältig kuratierte Serie von Fotos und Filmmaterialien der ‘Kulturkommission’ präsentiert, vieles davon erstmals in Südtirol.

Die neben Film und Archivmaterialien gezeigten Masken fungieren auch als Kulisse einer öffentlichen Diskussion mit geladenen Gästen. Dafür wird der Ausstellungsraum, in Zusammenarbeit mit dem Designer Harry Thaler, in eine ‘Stube’  –  Zentrum des häuslichen Lebens in Tirol und Stätte des Laientheaterspiels  –  verwandelt. Das ‘Stuben-Forum’ befasst sich mit Fragen im Zusammenhang der Erfindung von Tradition, der Instrumentalisierung von Volkskultur, sowie von Identität, Territorium und Performance. Zu den Vortragenden gehören Thomas Nussbaumer (Universität Innsbruck), Georg Grote (University College Dublin), Franz Haller, Bildanthropologe, Ina Tartler und Elizabeth Thaler (Stadttheater Bozen), und Hannes Obermair (Stadtarchiv Bozen). Moderieren wird Hans Karl Peterlini, Journalist und Autor.
Gareth Kennedy ist ein irischer Künstler. Seine künstlerische Tätigkeit umfasst öffentliche Kunstprojekte, Ausstellungen und Kollaborationen. Zusammen mit Sara Browne und ihrer kollaborativen Persona ‘Kennedy Browne’ vertrat er Irland auf der Biennale in Venedig 2009.
Harry Thaler ist ein Designer aus Meran (I), er lebt und arbeitet in London seit 2008. Thaler hat einen Abschluss am Royal College in Produktdesign und ist Gewinner des Conran Award 2010 mit dem Pressed Chair.

www.argekunst.it
www.gkennedy.info
www.harrythaler.it
www.kennedybrowne.com

[1] Die ‘ Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.’ war eine zentrale archäologische und kulturgeschichtliche Institution im ‘Dritten Reich’.

[2] James R. Dow and Olaf Bockhorn, The Study of European Ethnology in Austria. Aldershot: Ashgate, 2004.

Informationen:

info@argekunst.it
Museumstr.29
39100 Bozen
t. +39 0471 971 601
f. +39 0471 979 945
Öffnungszeiten
Di-Fr 10-13, 15-19
Sa 10-13
Freier Eintritt

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