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Die Kraft der Kunst

14 Giugno 2014

Die Kraft der Kunst

Kunst ist allgegenwärtig und genau diese Omnipräsenz neutralisiert ihre Kraft, so Tageszeitung Online.Wie kann sie ihre Widerständigkeit erhalten und was verlieren wir, wenn Kunst ihre Kraft verliert?

Ein Einblick von dem Philosophen Christoph Menke über Kunst als Spekulationsobjekt und warum der Skandal um den Kippenberger-Frosch ein Glücksfall für die Kunst war. Menke gilt als wichtiger Vertreter der dritten Generation der Frankfurter Schule. Vergangene Woche war er Gast bei der von der Freien Universität Bozen (Fakultät für Design und Künste) und dem Museion gemeinsam ausgerichteten Vortragsreihe artiparlando.

Die Präsenz von Kunst ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Biennalen überschwemmen den Globus, jede mittlere Stadt leistet sich eine Kunsthalle, die Museen verzeichnen Rekordbesuche.Warum verliert Kunst also seine Kraft?

Durch Beobachtung der Kunst und der Rede über die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft. Ihr Widerstand zu gesellschaftlichen Prozessen kommt immer weniger zum Ausdruck, so Menke.

Kunst befindet sich in einer unguten Alternative. Sie wird entweder zur Bebilderung von Konzepten und Theorien benutzt, Biennalen etwa machen gern Anleihen bei politischen Theorien und die Kunst soll die Umsetzung der Theorie sein. Das erscheint mir schon ein falsches Konzept von Kunst zu sein.“

Das andere Extrem, das wir häufig zu sehen bekommen, könnte man als Erlebnis-Kunst beschreiben, Kunst, die einem ein überraschendes sinnliches Erlebnis verschafft, spektakuläre sinnliche Eindrücke, etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes. Olafur Eliasson macht das manchmal.Was Menke hingegen mit der Metapher der Kraft zu beschreiben versucht, ist eine Wirksamkeit der Kunst, die eingreifend ist in unser Leben, Denken, Fühlen, eine Kraft, die Bewegung auslöst. Die Kraft der Kunst kann nie die Bestätigung einer Theorie sein, die man eh schon kennt.
Seine Theorie ist aber weniger eine These darüber, wie Kunst heute produziert wird, sondern wie wir mit Kunst umgehen. Er ist skeptisch gegenüber der Haltung, dass wir überall mit Kunst umgehen können, als wäre jeder bereit, der Kunst in seinem Leben eine große Rolle zu geben.“ Ich glaube eher, dass diese Omnipräsenz der Kunst für eine Neutralisierung ihrer Wirkungskraft spricht“, so der Philosoph Menke.

Es ist ja nicht falsch für Kunst Geld auszugeben, aber das allein sagt noch gar nichts.Die Frage ist, was machen wir dann mit ihr, wie lassen wir uns beeinflussen, wie versuchen wir die Konsequenz daraus zu ziehen, dass Kunst anders funktioniert als Information, als Theorien, auch als Philosophie zum Beispiel. Es gibt Künstler, die finden das richtig und andere, die finden das falsch. Wahrscheinlich sind viele sehr froh darüber, dass ihre Marktchancen heute größer sind als noch vor 30 Jahren. Andererseits geht damit eine Verlagerung aus dem öffentlichen Bereich in den wirtschaftlichen Bereich einher. Viele Finanzierungen, die vor 20 Jahren noch über öffentliche Institutionen liefen, müssen heute über die Vermarktung geschehen.
Ein Kunstwerk wird zum Spekulationsobjekt, es gibt keine nachvollziehbare Relation zwischen dem Preis und dem, was man dafür bekommt, weil sich der Preis allein dadurch ergibt, dass man darauf spekuliert, später einen noch höheren Preis dafür zu bekommen. Das ist die Logik der Finanzwirtschaft. Sie ist eine Wette auf die Zukunft, in der das Objekt selbst gar keine Rolle mehr spielt. Die Tatsache, dass Kunst wie jedes andere Objekt zum Spekulationsobjekt werden kann, tut der Kunst sicher nicht gut.

Den Konsum merkt man nur daran, dass man den Preis konsumiert. „Ich glaube nicht, dass sich Kunstkäufer, die um Millionen ein Werk der klassischen Moderne kaufen, sich konsumistisch auf dieses Werk beziehen. Woran sie sich ergötzen, ist der Preis. Adorno hat das als Fetischcharakter des Konsums beschrieben. Der Fetischcharakter besteht darin, dass kein Konsum mehr stattfindet, weil der Konsum nur mehr im Konsum der Verkaufbarkeit besteht. Daran kann man sich scheinbar ergötzen“ meint Menke.

Der Kult um den Künstler ist enorm. Es ist eine sehr traditionelle Auffassung: Das Gutsein eines guten Bildes besteht nicht darin, dass es für irgendetwas verwertbar ist, sondern es ist genau umgekehrt. Seine Kraft besteht darin, dass es uns auf andere Weise sehen lässt, dass wir dieser Kraft ausgesetzt sind und gar nicht anders können, als anders zu denken, zu erfahren, zu leben. Sicher ist es unglaublich schwierig im Einzelfall zu sagen, ob ein Kunstwerk diese Kraft besitzt oder nicht. Man kann sie nicht messen, man kann sich auch täuschen. Wenn ein Bild von Richter diese Kraft hat, wird es sie auch nicht verlieren. Der Punkt ist ein anderer. Kunstwerke müssen sich heute mehr als vor zwanzig Jahren aktiv wehren gegen ihre Verwandlung in eine leere Form von Ware, gegen ihre Inanspruchnahme als Dekoration, als Bebilderung für etwas. Das ist sehr schwer für sie, und sie brauchen dabei unsere Hilfe, unser kritisches Nachdenken.
Worin besteht die ästhetische Kraft der Kunst?In ihrer Widerständigkeit? Sie istwieder zu einem elementaren Begriff zurückkommen, um die Kraft der Kunst zu beschreiben, zu dem, was die Ästhetik Spiel genannt hat. Die Kraft der Kunst besteht darin, unsere Erfahrungen, unsere Gedanken, unsere Empfindungen in ein Spiel zu versetzen. Unser Einbildungskraft fängt zu spielen an, ohne im Dienst irgendeines Zweckes zu stehen. Das kann sich widerständig äußern, es kann dann sich aber auch einfach selber gefallen, es kann auch ganz bei sich bleiben und eine eigene Lust entwickeln.

Vor 6 Jahren hat es hierzulande einen Skandal mit katholischen Wutanfällen wegen eines gekreuzigten Frosches von Martin Kippenberger gegeben. Ist das ein Beispiel für die Widerständigkeit der Kunst?

Solche Geschichten sind ein Glücksfall für die Kunst, so Menke.

Ja, weil damit etwas sichtbar wird, worauf die Gesellschaft im Ganzen beruht und was die Kunst zumindest in Frage stellt. Denkt man an andere Kunstskandale, bei denen es nicht um die katholische Kirche ging. Wenn Bacon auf einem Triptychon ein Hakenkreuz in eine Ecke malt, kann man nicht mit Sicherheit sagen, er will damit das Hakenkreuz bekämpfen. Vielleicht brauchte er einfach etwas Schwarzweißes an dieser Stelle. Es scheint vollkommen klar zu sein, was ein Hakenkreuz bedeutet, wenn man es aber als Teil eines Kunstwerkes sieht, ist es plötzlich völlig unklar. Man beginnt darüber nachdenken, warum man glaubt, dass es so klar ist. Diese Art und Weise, sich Fragen zu stellen, unterscheidet die Kunst von allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Nicht nur der Religion.
In unserer Gesellschaft ist Kunst das einzige Medium. Aber Momente dessen, was die Kunst mit uns macht, gibt es in allen Bereichen. Wenn mir beim Tennisspiel ein Schlag glückt, den ich eigentlich gar nicht kann, hat ein ähnliches Spiel der Kräfte in mir gewirkt.
Das kann auch ein neuer Gedanke oder eine neue Liebe sein. Wo etwas wirklich gut ist in unserem Leben, wo wir sagen, da ist uns etwas geglückt, haben wir es nie nur gemacht, weil wir es können, sondern da hat eine ästhetische Kraft gewirkt.

Der erste und letzte Philosoph, der der Kunst eine überragende Wirkung zutraute, war Platon. Allerdings wollte er die Künstler aus dem Staat verjagen. Eigentlich müsste man hm dankbar sein.

Platon ist der Theoretiker der Kraft der Kunst, bei ihm heißt sie Enthusiasmus. Die Künstler gehören seiner Meinung nach nicht aus der Stadt vertrieben aufgrund dessen, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Sie sagen es nämlich, ohne bei Sinnen zu sein, sie sagen es in Begeisterung, in einer radikalen Verlebendigung, die bei Nietzsche später Rausch heißen wird. Keiner hat so deutlich wie Platon gesehen, dass in der Kunst, wo sie gelingt, etwas ganz anderes im Spiel ist und dass dieses ganz andere für gesellschaftliche, politische, moralische Ordnungen eine Gefahr darstellt. Die Künstler sollten sich bei ihm bedanken.
Menke spricht der Kunst nicht ihre Kraft ab, er spricht der Gesellschaft den Sinn dafür ab, was die Kunst als Besonderes auszeichnet. Es geht nicht so sehr der Kunst etwas verloren, sondern uns, der Gesellschaft, geht etwas verloren, wenn sie sich nicht einen Zugang zur Kunst offen hält, wo sich diese Kraft entfalten kann. Nicht nur die Kunst geht uns verloren, es geht uns etwas an uns selbst verloren.
Wir verlieren alles, was mit Freiheit zu tun hat. Also alles.

 

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