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Vergessener Krieg? Die russische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

5 Maggio 2014

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Vergessener Krieg? Die russische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg ist in der russischen Erinnerung sehr bald in Vergessenheit geraten. Die Oktoberrevolution und der Zweite Weltkrieg – der „Große vaterländische Krieg“ – entwickelten sich zu den entscheidenden sowjetischen Gründungsmythen und überlagerten die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Auf Einladung des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen beschäftigt sich der russische Historiker und Universitätsprofessor Igor Narskij in einem Vortrag mit der Frage, welche Rolle der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis der russischen Gesellschaft spielt.

Die Jahre des Ersten Weltkrieges stellten für das russische Zarenreich eine Katastrophe dar. Bis Ende 1914 verlor die russische Armee 1,2 Millionen Mann – Tote, Verwundete und Gefangene. 1915 kam es zu großen militärischen Rückschlägen, die Lebensmittelversorgung wurde immer schwieriger und der Nachschub an Waffen und Munition stockte. Ab dem Sommer 1915 wurde die Kriegsmüdigkeit der russischen Gesellschaft immer größer – daran konnten auch die Erfolge im Rahmen der so genannten Brussilow-Offensive 1916 nichts mehr ändern, die letztlich scheiterte. Auch die Verpflegung im Heer wurde zunehmend schlechter und die Desertionen mehrten sich.

Die Februarrevolution von 1917 führte schließlich zur Abdankung des Zaren und infolge der „Oktoberrevolution“ übernahmen die von Lenin geführten Bolschewiki die Macht. Der am 2. März 1918 mit den Mittelmächten geschlossene Separatfrieden von Brest-Litowsk traf Russland schwer: Das Land verlor mehr als ein Viertel seines europäischen Kernlandes und musste auf Estland, Lettland und Litauen, auf Finnland und die Ukraine verzichten.

Der Erste Weltkrieg ist in der russischen Erinnerung sehr bald in Vergessenheit geraten. Die Oktoberrevolution und der Zweite Weltkrieg – der „Große vaterländische Krieg“ – entwickelten sich zu den entscheidenden sowjetischen Gründungsmythen und überlagerten die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.

„Der Erste Weltkrieg wurde verloren und in der Erinnerung sehr bald von dem siegreichen Bürgerkrieg verdrängt“, so Igor Narskij. „Der Erste Weltkrieg hinterließ in der offiziellen Erinnerungskultur so gut wie keine Spuren.“ Schließlich wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Zweite Weltkrieg zum erinnerungskulturellen Anknüpfungspunkt schlechthin. Narskij: „Der Zweite Weltkrieg ist zu einem zentralen sowjetischen Gründungsmythos geworden. Er diente zur Legitimierung des kommunistischen Regimes und hatte die Aufgabe, die sowjetische Gesellschaft zu einigen.“ Das hat sich bis heute, analysiert der russische Historiker kritisch, nicht geändert: „Diese Funktionen hat der ‚Große vaterländische Krieg‘ als einziger von der Sowjetunion vererbter Gründungsmythos auch im heutigen Russland. Kriegsbilder dienen sowohl dem Staat als auch der Gesellschaft als ein Instrument der Inklusion und Exklusion, der Aufrechterhaltung der kollektiven Identität und als Mittel für die Produktion von Selbst- und Fremdbildern:“

In seinem Vortrag an der Universität Bozen (9. Mai 2014, 17.30, Hörsaal: C2.01) analysiert Igor Narskij, welche Bedeutung der Erste Weltkrieg in der russischen Erinnerung der letzten hundert Jahre hatte und in welcher Weise er in der Forschung und der Erinnerungspolitik thematisiert wurde.

Zur Person: Igor Narskij ist Professor und Direktor des Zentrums für Kulturgeschichte an der Süd-Ural-Universität in Tscheljabinsk. Der Historiker ist einer der besten Kenner der Geschichte Russlands im Ersten Weltkrieg.

Termin: Vergessener Krieg – unvergessliche Front? Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Russland – Prof. Igor Narskij (Universität Tscheljabinsk)

9. Mai 2014, 17.30 Uhr, Hörsaal C2.01, Freie Universität Bozen, Universitätsplatz 1

Informationen: www.unibz.it/zefuer

Bildtext Foto: Demonstrationen in Petrograd (St. Petersburg) lösen 1917 die Februarrevolution aus.

 

 

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