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Kunstkritik: „Niemand vermisst die Kritiker, wenn sie schweigen“

31 Maggio 2014

Kunstkritik: „Niemand vermisst die Kritiker, wenn sie schweigen“

Was ist ein gutes Bild? Die Avantgarde hat sich schon lange erschöpft, so Zeit.de. So folgen sie dem Markt und schaden somit den Künstlern und ihren Werken.
Es ist wohl nur ein Gerücht. Lange hieß es, die moderne Kunst braucht nichts dringender als Kritik. Sie kann nicht ohne erklärende Worte sein, ohne Kommentar und Einschätzung. In Wahrheit aber braucht sie nichts dergleichen. Niemand würde die Kritiker vermissen, wenn sie ab sofort schwiegen.
Ja, früher, da konnte sich der Kritiker als Agent der Moderne verstehen, seine Aufgabe war es, für die Avantgarde zu werben, Seite an Seite mit den Künstlern, vereint im Kampf gegen die Spießer des Kleinbürgertums. Auch als Späher, als Talentsucher und Trendforscher wird er nicht mehr gebraucht. Das übernehmen heute Ausstellungsmacher, die in den Hochschulen und Ateliers nach dem fahnden, was noch nicht in den Kunstmarkt integriert ist. Sie sind die Hüter des Neuen und die Gesprächspartner des Künstlers, seine Berater und Mentoren.
Bleibt ihm noch etwas? Natürlich bleibt ihm viel. Allerdings nur, wenn er die eigenen Grenzen neu bestimmt. Und wenn er nach den Grenzen der Kunst wieder fragt. Vor Grenzziehung aber scheuen die meisten Kritiker zurück. Mal rezensieren sie Ausstellungen, dann wieder richten sie diese aus; mal besuchen sie eine Galerie als Abgesandte der veröffentlichten Meinung, dann mimen sie dort den Vernissagenredner, bezahlt vom Galeristen; mal beraten sie Sammler und Museen, dann schreiben sie über diese; mal sind sie Freund des Künstlers, mal sein Kritiker. Längst ist das Unreine zum Leitbild geworden. Künstler treten auf als Kritiker, Kritiker treten auf als Kuratoren, Kuratoren treten auf als Künstler, Künstler treten auf als Kuratoren. Ein jeder kann auch ein anderer sein.
In der Kunst hingegen ist das Absurde alltäglich. Der Deutsche Kritikerverband AICA zum Beispiel kürte 2002 die Surrealisten-Schau von Werner Spieszur besten Ausstellung des Jahres, dicht gefolgt von der Documentaauf Platz zwei. Wer aber hingegen Unterschiede markiert, macht sich verdächtig.

Wenn sich Kritiker gleichwohl hinter der Kunstgeschichte verschanzen, dann wohl deshalb, weil sie sich so etwas wie Gerechtigkeit erhoffen. Und natürlich ist es richtig, eine rechtschaffende Beurteilung anzustreben. Gerecht allerdings kann sie nicht sein und darf sie nicht sein. “Das Publikum muss stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen”, so schrieb Walter Benjamin1928. Und selbiges gilt auch für Kunst und Kunstbetrieb. Sie müssen stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen.
Gerade diese Beliebigkeit ist es, die der aktuellen Kunst am meisten zu schaffen macht. Es fehlt ihr ein Gegenüber, es fehlt an Reibung, an Kritikern, die mit Disrespekt und Zuneigung, mit Abstand und Nähe, mit Eiseslogik und Emphase über die Bilder der Gegenwart und Geschichte schreiben. Die vormachen, dass man durchaus über Kunst und Geschmack streiten kann. Und die damit andere ermuntern, sich ein eigenes Bild von der Kunst zu machen. Höchste Zeit also, dass Kritiker so gut bezahlt werden, dass sie sich Freiheit und Meinung leisten können, dass sie mit Preisen bedacht werden, mit Stipendien und Werkverträgen. Höchste Zeit, dass man Kritiker fördert wie Künstler.

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