Ein Pass entscheidet, wie weit du kommst: Südtirol erlebt die Grenzen der Reisefreiheit

Acht Orte, acht Perspektiven und eine unbequeme Erkenntnis: Nicht alle Menschen können sich auf der Welt gleich frei bewegen. Mit der Aktion „Ein Schritt nach vorn“ macht die OEW globale Ungleichheiten sichtbar und lädt zur Diskussion über Grenzen, Privilegien und Gerechtigkeit ein.

Wer darf einfach losreisen, ein Studium im Ausland beginnen oder in einem anderen Land neu anfangen – und wer scheitert bereits an der Visumspflicht? Mit diesen Fragen hat sich die OEW-Kampagne „Pushing the Boundaries“ am Samstag, 26. September, in acht Südtiroler Orten beschäftigt. Die öffentliche Mitmachaktion „Ein Schritt nach vorn/Un passo avanti“ machte deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen für Reisefreiheit weltweit sind.

Zeitgleich kamen Interessierte in St. Ulrich, Franzensfeste, Sterzing, Bruneck, Salurn, Schlanders, Meran und Bozen zusammen. Auf öffentlichen Plätzen schlüpften die Teilnehmenden in fiktive Lebensrollen und erhielten eine neue Staatsangehörigkeit, ein bestimmtes Alter, eine Geschlechtszugehörigkeit, unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und individuelle Lebensumstände. Anschließend erlebten sie, welche Türen sich dadurch öffnen – und welche verschlossen bleiben.

Wer einen europäischen Pass besitzt, in einem friedlichen Land aufwächst und Zugang zu guter Bildung und Gesundheitsversorgung hat, verfügt über andere Möglichkeiten als jemand, der mit einem afrikanischen Pass, in einem Konfliktgebiet oder unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen lebt. Die Aktion übersetzte diese Unterschiede in eine unmittelbare Erfahrung und machte sichtbar, dass Reisefreiheit weit mehr ist als die persönliche Entscheidung, einen Koffer zu packen.

Hinter der Frage, wer Grenzen überwinden kann, stehen zahlreiche strukturelle Faktoren: Staatsangehörigkeit, politische Verhältnisse, Einkommen, Bildungszugang, Infrastruktur und Visabestimmungen beeinflussen die weltweite Mobilität. Auch Geschlecht, sexuelle Orientierung sowie körperliche und kognitive Voraussetzungen können darüber entscheiden, welche Möglichkeiten Menschen offenstehen.

Die OEW möchte mit ihrer Kampagne diese Machtverhältnisse sichtbar machen und zur Auseinandersetzung mit ihren historischen und gesellschaftlichen Ursachen anregen. Dabei geht es auch um die Frage, wie globale Ungleichheiten überwunden und Mobilitätsrechte gerechter gestaltet werden könnten.

In den acht Orten wurde die Aktion von lokalen Partnern unterstützt: vom Integrationsbeirat Gröden in St. Ulrich, von der Stadtbibliothek Sterzing, von BASIS Vinschgau in Schlanders, vom Integrationsbeirat Bruneck, vom Bildungsausschuss Salurn, vom Integrationsbeirat Franzensfeste sowie von den Pfadfinderinnen und Pfadfindern von Agesci Merano. In Bozen fand die Veranstaltung am Kornplatz statt.

Monika Thaler, Bereichsleiterin Internationale Zusammenarbeit der OEW, begleitete die Aktion in Franzensfeste. Sie verweist auf die Bedeutung postkolonialer Strukturen für die heutigen Möglichkeiten einzelner Menschen. Wie unterschiedlich Reisefreiheit im Alltag ausfallen kann, habe sich erst kürzlich bei einer Bildungsreise junger Südtirolerinnen und Südtiroler zu einem Partnerprojekt in Sambia gezeigt.

Eine Teilnehmerin mit ausländischem Pass musste bis kurz vor Reisebeginn um ihr Visum bangen. Bei den anderen Jugendlichen mit italienischem Pass gab es dagegen keine entsprechenden Schwierigkeiten. „Ohne etwas Besonderes geleistet zu haben, hatten sie einen Vorteil“, erklärt Thaler. Das Beispiel zeige, wie stark die Staatsangehörigkeit die individuellen Möglichkeiten beeinflusse.

Auch Verena Dariz, Bereichsleiterin Bewusster Konsum bei der OEW, die in St. Ulrich dabei war, sieht im weltweiten Visasystem einen Ausdruck ungleicher Chancen. Die verbreitete Vorstellung, alle Menschen hätten dieselben Möglichkeiten, wenn sie sich nur genügend anstrengten, greife zu kurz.

Der italienische Pass ermöglicht die visumfreie Einreise in zahlreiche Länder und erleichtert damit nicht nur Urlaubsreisen, sondern auch Studium, Arbeit, medizinische Behandlungen und einen möglichen Neuanfang im Ausland. Für Menschen mit anderen Staatsangehörigkeiten können dagegen aufwendige Visaverfahren, finanzielle Anforderungen und rechtliche Hürden den Zugang erheblich erschweren.

Dariz weist zudem auf einen weiteren Widerspruch hin: Waren aus dem Globalen Süden werden über weite Strecken international gehandelt, während die Menschen, die an ihrer Herstellung beteiligt sind, häufig mit erheblichen Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit konfrontiert sind. Die unterschiedlichen Bedingungen für den weltweiten Warenverkehr und die menschliche Migration werfen damit grundlegende Fragen nach globaler Gerechtigkeit auf.

Adrian Luncke, Bereichsleiter Vielfalt und Miteinander der OEW, begleitete die Aktion in Salurn. Er betont, dass neben der Staatsangehörigkeit auch Geschlecht, sexuelle Orientierung, körperliche oder kognitive Fähigkeiten und finanzielle Möglichkeiten die Reisefreiheit beeinflussen. In manchen Ländern sind Frauen bei der Ausreise auf die Zustimmung männlicher Angehöriger angewiesen, während queere Menschen mit Diskriminierung und rechtlichen Einschränkungen konfrontiert sein können.

Wohlhabenden Menschen stehen wiederum finanzielle Mittel und rechtliche Unterstützung zur Verfügung, die anderen häufig fehlen. Die Auseinandersetzung mit diesen Unterschieden sei auch wichtig, um Migration und die Machtverhältnisse zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden besser zu verstehen.

Die Kampagne wird im Oktober mit einer öffentlichen Tagung fortgesetzt. Am Freitag, 9. Oktober, lädt die OEW in den Ost West Club nach Meran zur italienischsprachigen Veranstaltung „Un mondo senza frontiere?!“ ein. Im Mittelpunkt stehen Fragen rund um Freiheit, Grenzen und globale Gerechtigkeit sowie mögliche Perspektiven für eine gerechtere Gestaltung der Mobilität.

Mit dabei sind Francesca Cancellaro, promovierte Juristin, Rechtsanwältin und Mitglied des Rechtsteams der Global Sumud Flotilla, Federico Oliveri, Dozent für Rechtsphilosophie an der Universität Camerino, und Diego Saccora, Sozialarbeiter von Lungo la Rotta Balcanica. Deborah Lucchetti von der Campagna Abiti Puliti wird zudem die Bedingungen menschlicher Migration mit jenen internationaler Warenströme vergleichen.

Begleitet wird „Pushing the Boundaries“ von einer landesweiten Plakatkampagne. Weitere Informationen zur Tagung, zu den Referierenden und zur Kampagne gibt es unter www.oew.org/pushing-the-boundaries .

Die zentrale Botschaft der Initiative ist dabei keine einfache Antwort, sondern eine Einladung zum Nachdenken: Welche Rolle spielen Grenzen in einer globalisierten Welt? Warum hängt die Bewegungsfreiheit so stark von Herkunft, Einkommen und Lebensumständen ab? Und wie könnte eine Zukunft aussehen, in der Mobilität weniger von Privilegien und stärker von gleichen Rechten geprägt ist?

Foto/c-Anna Mayr/OEW