Seit 46 Jahren stehen die Südtiroler Weltläden für Fairen Handel – getragen von einem außergewöhnlichen Engagement: 272 Freiwillige leisten jährlich mehr als 36.000 Stunden ehrenamtliche Arbeit und sorgen gemeinsam mit wenigen Teilzeitkräften dafür, dass Fairness, Nachhaltigkeit und globale Verantwortung im Alltag erlebbar werden.
Um dieses Wissen weiterzugeben und zu vertiefen, trafen sich kürzlich mehr als 60 Freiwillige und Mitarbeitende aller 13 Südtiroler Weltläden zur Fair Trade Academy auf Schloss Goldrain. Im Mittelpunkt der zweitägigen Weiterbildung standen Produktwissen, Produzentenorganisationen, rechtssichere Kennzeichnung, Warenpräsentation, Schaufenstergestaltung sowie der professionelle Einsatz von Social Media.
Die Weltläden unterscheiden sich bewusst vom klassischen Einzelhandel. Organisiert als Sozialgenossenschaften oder Vereine verfolgen sie keine Gewinnmaximierung. Während die Weltläden in Sterzing, Toblach und Klausen ausschließlich ehrenamtlich geführt werden, beschäftigen die übrigen Standorte lediglich wenige Teilzeitkräfte. Rund ein Drittel des Verkaufspreises bleibt im jeweiligen Weltladen und finanziert Miete, Energie, Personal, Bildungsarbeit und den laufenden Betrieb. Überschüsse fließen vollständig in die Weiterentwicklung der Weltläden zurück.
Im Zentrum des Fairen Handels steht weit mehr als ein gerechter Preis. Langfristige Partnerschaften mit Produzentinnen und Produzenten schaffen Planungssicherheit und ermöglichen Investitionen, den Erhalt von Arbeitsplätzen sowie bessere Bildungs- und Lebensperspektiven für ganze Familien. Gleichzeitig verpflichten sich die Handelspartner zu sozialen und ökologischen Standards, die Menschenrechte, Umweltschutz und faire Arbeitsbedingungen garantieren.
Ein wesentliches Merkmal der Weltläden bleibt ihre Bildungsarbeit. Kundinnen und Kunden erhalten nicht nur hochwertige Lebensmittel, Kunsthandwerk, Kosmetik oder Textilien, sondern erfahren auch, woher die Produkte stammen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden und welche Auswirkungen bewusster Konsum auf globale Lieferketten hat.
Den Auftakt der Fair Trade Academy gestaltete Rudi Dalvai, Mitbegründer von Altromercato, ehemaliger Präsident der World Fair Trade Organization (WFTO) und Vorsitzender des Weltladens Bozen. In seinem Vortrag zeichnete er die Entwicklung des Fairen Handels nach und erläuterte die Grundprinzipien des WFTO-Garantiesystems.
„Wer im Weltladen arbeitet, verkauft nicht einfach Waren. Jede Tafel Schokolade, jede Packung Kaffee und jedes handwerkliche Produkt erzählt eine Geschichte von Menschen, von fairen Preisen und von Respekt entlang der gesamten Lieferkette“, betonte Dalvai.
Auch praxisnahe Workshops gehörten zum Programm. Bei einem Kochkurs lernten die Teilnehmenden sizilianische Produkte kennen und diskutierten deren Herkunft, Verarbeitung und Qualität.
Für Brigitte Gritsch, Koordinatorin des Netzwerks der Südtiroler Weltläden, lebt das gesamte Modell vom Einsatz der vielen Ehrenamtlichen: „Unsere Weltläden leben von Menschen, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Überzeugung einbringen.“ Regelmäßige Weiterbildung und der Austausch innerhalb des Netzwerks seien deshalb unverzichtbar, um die Beratungs- und Bildungsarbeit auf hohem Niveau fortzuführen.
Ermöglicht wurde die Fair Trade Academy durch die finanzielle Unterstützung des Amtes für Weiterbildung. Den Abschluss bildete ein Besuch im Weltladen Latsch, wo Präsident Richard Theiner den Teilnehmenden zeigte, wie jeder Weltladen eigene Schwerpunkte setzt und gleichzeitig Teil eines starken landesweiten Netzwerks bleibt.