Wie gelingt Unterricht, der der wachsenden Vielfalt in Südtirols Klassenzimmern gerecht wird – ohne zu überfordern, zu unterfordern oder einzelne auszuschließen? Genau diese Frage stand im Zentrum eines dreijährigen Entwicklungsprozesses, an dem mehrere Schulen gemeinsam mit der Pädagogischen Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion gearbeitet haben. Die nun präsentierte Bilanz fällt eindeutig aus: Inklusion ist kein Zusatzprogramm – sie entscheidet sich im täglichen Unterricht.
Sechs Pilotschulen haben im Rahmen des Vorhabens „Wege in die Bildung 2030“ ihre Unterrichtspraxis über drei Jahre hinweg analysiert und teilweise neu ausgerichtet. Dabei ging es weniger um organisatorische Reformen als um einen grundlegenden Perspektivwechsel: Wie lernen Kinder und Jugendliche tatsächlich? Wie wird im Klassenverband gefördert, ohne zu sortieren? Und welche Rolle spielt die Lehrperson im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und gemeinsamer Lernkultur?
„Die Schule ist das erste gesellschaftliche Spiegelbild einer Entwicklung“, erklärte Landesrat Philipp Achammer bei der Präsentation. Lehrpersonen müssten stärker unterstützt werden, um mit der wachsenden Komplexität im Klassenzimmer umgehen zu können. Gleichzeitig betonte er die veränderte Rolle der Lehrkraft: weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Lernbegleitung mit klarer Struktur, gezieltem Feedback und pädagogischer Orientierung.
Die Erkenntnisse der Pilotphase bleiben nicht auf einzelne Schulen beschränkt. Bereits 45 der 93 Schuldirektionen in Südtirol arbeiten inzwischen in begleiteten Schulentwicklungsprozessen an der Weiterentwicklung ihrer Unterrichtsqualität. „Unterricht verändert sich nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch konsequente Arbeit an der Praxis“, so Martin Holzner. Grundlage seien wissenschaftliche Erkenntnisse, Evaluationen und ein enger Austausch zwischen Schulen und Fachstellen.
Die Schwerpunkte der beteiligten Einrichtungen reichen von selbstorganisiertem Lernen über Begabungsförderung bis hin zu Konzepten im Bereich Schulsozialpädagogik und Kinderschutz. Gleichzeitig zeigt sich ein wachsender Bedarf an Orientierung im Schulalltag. „Schulen brauchen konkrete Unterstützung bei ihren täglichen Herausforderungen“, betonte Hansjörg Unterfrauner.
Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Unterricht konkret gestaltet werden muss, damit er tatsächlich inklusiv wirkt. Das Amt für Didaktik begleitet Schulen bei der Entwicklung entsprechender Aufgabenformate, die unterschiedliche Lernniveaus berücksichtigen, Eigenverantwortung stärken und digitale Werkzeuge sinnvoll integrieren.
„Wenn Lehrpersonen gemeinsam lernwirksame Aufgaben entwickeln und gezielt Feedback geben, entsteht nachhaltige Unterrichtskompetenz direkt vor Ort“, erklärte Anna Pfitscher. Ziel sei ein Unterricht, der fachlich tragfähig, pädagogisch durchdacht und menschlich inklusiv ist.
Der Befund bleibt dabei deutlich: Inklusion ist in Südtirol längst kein theoretisches Ziel mehr – aber sie entscheidet sich immer noch zu oft nicht dort, wo sie eigentlich stattfinden müsste: im Unterricht selbst.
Im Bild: Philipp Achammer/c-LPA/Fabio Brucculeri