Innsbruck hört zu: Bürger:innen-Rat bringt neue Stimmen für mentale Gesundheit

Wie geht es uns wirklich – im Alltag zwischen Beruf, Familie und ständigem Leistungsdruck? Mit dieser Frage setzt sich die Stadt Innsbruck aktuell auf ungewöhnliche Weise auseinander und rückt dabei die Perspektive der eigenen Bevölkerung ins Zentrum. Erstmals wurde ein Bürger:innen-Rat zum Thema psychische Gesundheit einberufen, der am 10. und 11. April im Rathaus getagt hat – ein Beteiligungsformat, das nicht nur auf Expertise, sondern bewusst auf Alltagserfahrung setzt.

20 zufällig ausgewählte Innsbrucker:innen bildeten dieses Gremium, das aus einer mehrstufigen Auslosung aus dem Melderegister hervorging. Ihr Auftrag: konkrete Ideen und Empfehlungen zu entwickeln, wie die Stadt auf zunehmende psychische Belastungen reagieren und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann. Die Ergebnisse sollen direkt in den Gesundheitsaktionsplan „Gesundheit fördern. Gemeinschaft stärken“ einfließen, den die Stadt gemeinsam mit den Innsbrucker Soziale Dienste sowie mehreren Ämtern erarbeitet.

Bürgermeister Johannes Anzengruber unterstreicht die Bedeutung dieses Ansatzes und setzt auf breite Mitwirkung: Die Ideen und Bedürfnisse der Bevölkerung seien ein zentraler Bestandteil des Prozesses. Tatsächlich zeigt sich im Verlauf der zweitägigen Sitzung, wie ernsthaft und engagiert die Teilnehmenden ihre Rolle wahrnehmen. Aussagen wie „Unsere Aufgabe ist nicht nur zu jammern, sondern die Stadt besser zu machen“ oder „Es flasht mich, so viele unterschiedliche Perspektiven zu hören“ spiegeln eine Dynamik wider, die über klassische Beteiligungsformate hinausgeht.

Begleitet wurde der Bürger:innen-Rat von weiteren Beteiligungsmöglichkeiten: Über eine Online-Plattform konnten Interessierte bereits im Vorfeld Vorschläge einbringen, während der Jugendbeirat in eigenen Workshops gezielt die Sicht junger Menschen gesammelt hat. So entsteht ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Bedürfnisse – von alltäglichen Belastungen bis hin zu strukturellen Fragen.

Der Prozess ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. Am 28. April werden die Ergebnisse im Rahmen des Stadtforums „Innsbruck im Gespräch“ in der Stadtbibliothek öffentlich präsentiert und zur Diskussion gestellt. Auch dort sind die Bürger:innen eingeladen, sich einzubringen und den Dialog weiterzuführen.

Was in Innsbruck entsteht, ist mehr als ein politisches Projekt: Es ist ein Versuch, das Thema psychische Gesundheit aus der Tabuzone zu holen und als gemeinsame Aufgabe zu begreifen. Ob daraus nachhaltige Maßnahmen folgen, wird sich erst zeigen – doch der gewählte Weg deutet darauf hin, dass die Stadt bereit ist, neue Formen des Zuhörens zu erproben.

Foto/© Stadt Innsbruck/D. Jäger