Wenn die Familie Schuster aus Wien ihre Koffer packt, scheint alles auf Oxford vorbereitet. Doch es kommt anders. Statt nach England zu ziehen, bleiben sie in Neuhaus zurück – gefangen im Schatten eines Todes, der alles verändert hat. Josef Schuster, jüdischer Professor, hat die Zustände seiner Heimat nicht ertragen und sich aus dem Fenster gestürzt, mit Blick auf den Heldenplatz, jenen Ort, an dem 1938 Hitler den Anschluss Österreichs verkündete und die Menge jubelte.
Thomas Bernhards „Heldenplatz“ ist ein Stück, das keine Schonung kennt. Geschrieben 1988, ein bitteres Echo auf die Verdrängung der österreichischen Vergangenheit. Die Trauer und die Gespräche der Hinterbliebenen verdichten sich zu einer scharfen, fast unheimlichen Abrechnung mit gesellschaftlichen und politischen Zuständen – voller Wut, Verzweiflung, Gleichgültigkeit und Bernhards unverkennbaren Humor. Koffer und Kisten symbolisieren nicht nur den geplanten Umzug, sondern auch das ewige Exil, in dem die Familie gefangen bleibt: weder Neuhaus, noch Oxford oder Wien können eine Heimat bieten.
Regisseurin Jessica Glause erweitert den Klassiker am Tiroler Landestheater mit einem Bürger:innenchor, der mit Texten von Elias Hirschl das Stück ins Heute überträgt. Die Sorgen, Entwurzelung und Leerstelle, die eine verlorene Heimat hinterlässt, wirken virulent wie eh und je. Das Stück wird so nicht nur zur historischen Analyse, sondern zu einem Weckruf, der zeigt: Die Wut von damals klingt heute noch genauso notwendig.
Musikalisch untermalt wird das Drama von Mira Lu Kovacs, deren Klavierklänge, Beats und romantische Melodien zwischen Minimalismus und Ausbruch die Bühne akustisch zum Leben erwecken. Das Zusammenspiel von Bühne, Video, Kostümen und Musik macht aus Bernhards Text ein intensives, vielschichtiges Theatererlebnis.
In den Hauptrollen überzeugen Christoph Kail als Professor Robert Schuster und Sara Nunius als Herta/Hedwig Schuster, während ein Ensemble aus Universitätskollegen, Hausangestellten und dem Bürger:innenchor die gesellschaftlichen Spannungsfelder eindringlich sichtbar macht.
Die Premiere findet am 24. Januar 2026 im Großen Haus statt. Weitere Termine bis April bieten Gelegenheit, sich diesem Stück von bestechender Härte, Aktualität und emotionaler Wucht zu stellen – ein Abend, der lange nachhallt und noch Tage später zum Nachdenken zwingt.
Im Bild: Heldenplatz, Philipp Rudig (Prof. Liebig), Christoph Kail (Prof. Robert Schuster) und Julia Posch (Anna)/c – Marcella Ruiz Cruz