Zehn Jahre nach seinem Tod wirkt David Bowie weiterhin wie ein Maßstab. Nicht wegen einzelner Hits, sondern wegen der Konsequenz, mit der er Popmusik als Kunstform behandelte. Am 8. Januar wäre er 79 Jahre alt geworden. Ziggy Stardust, Aladdin Sane, der Thin White Duke – diese Namen stehen für Rollen, die niemand nur trug, um sich zu verstecken. Sie dienten dazu, Aspekte des Selbst freizulegen, zu reflektieren, zu inszenieren.
Von „Space Oddity“ bis „Blackstar“ verändert Bowie seine Klang- und Bildsprache, als handle er jede Phase seines Lebens durch. „Chamäleon der Popmusik“ – ein zu glattes Bild, sagt Peter Urban. Ein Chamäleon reagiert auf die Umgebung. Bowie aber bestimmt seine Wandlungen aus innerer Notwendigkeit. Unter all den Masken blieb eine Konstante: Intellekt, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit. Wer ihn traf, begegnete keinem Star, sondern einem Menschen, der bereit war, sich selbst zu befragen.
Geboren 1947 als David Robert Jones in Brixton, entdeckte Bowie früh, dass Musik allein ihm nicht genügt. Tanz, Theater, Pantomime, die britische Music Hall – alles floss in seine Arbeit ein. Bei Lindsay Kemp lernte er, Bewegung als erzählerisches Instrument zu nutzen. Schon hier beginnt die zentrale Methode seines Lebenswerks: alles ausprobieren, nichts wiederholen, das eigene Ich als Labor.
„Space Oddity“ (1969) markiert den ersten Erfolg – aber nicht das Ende der Experimente. Auf Folk folgt Rock, auf Pop folgt Glam, auf Glam folgt eine Abkehr in Berlin. „Low“ und „Heroes“ entstehen in der Unspektakularität, doch mit visionärer Kraft: fragmentierte Songs, elektronische Experimente, Pop neu gedacht. Und immer wieder: Abschied und Wiederkehr, Rückzug und Neuerfindung.
2004 beendet ein Herzinfarkt die Bühnenkarriere, doch der letzte große Akt bleibt: „Blackstar“ (2016), zwei Tage vor seinem Tod veröffentlicht, wirkt wie eine Inszenierung des Abschieds. Sperrig, verstörend, voller Zeichen für Vergänglichkeit. Hier zeigt Bowie, dass Kunst nicht trösten muss, sondern vergegenwärtigen.
David Bowie lehrt, dass Identität kein Besitz ist, sondern ein Prozess. Dass Konsequenz nicht im Festhalten liegt, sondern im Mut zur Veränderung. Und dass Popmusik, wenn sie ernst genommen wird, weit über Unterhaltung hinausreicht. Zehn Jahre nach seinem Tod wirkt seine Botschaft radikaler denn je: Wer bleiben will, darf niemals stehen bleiben.
Foto: David Bowie/c-Portrait von Claudio David Calabrese