Julian Degen analysiert Herodot: Athens Rolle im Ersten Perserkrieg neu interpretiert

Innsbruck – Was, wenn der berühmte „Schutz Europas vor den Persern“ gar nicht das war, was wir immer dachten? Julian Degen, Althistoriker an der Universität Innsbruck, liefert in seiner aktuellen Publikation eine radikal neue Interpretation der „Geburtsstunde Europas“. Seine Forschung zeigt: Der Erste Perserkrieg um 490 v. Chr. war weniger ein Kampf zwischen West und Ost als ein Spiegel aufkommenden athenischen Imperialismus.

Bisher galt die Abwehr der persischen Invasion durch Athen als heroischer Moment der Weltgeschichte: Demokratie gegen Despotismus, Freiheit gegen Expansion, Griechen verteidigen Europa. Doch wie Degen betont, stützt sich dieses Narrativ fast ausschließlich auf Herodot, der seine Darstellung gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. verfasste – mitten im Peloponnesischen Krieg. Damals zeigte Athen gegenüber seinen Verbündeten selbst brutale Machtpolitik.

Degen zeigt in einer interdisziplinären Analyse von Herodots Historien und altorientalischen Quellen, dass Herodot die Perser durch die Brille seiner eigenen Zeit darstellt: Athen, das einst Freiheit verteidigte, erscheint als imperiale Macht, die anderen Griechen diese Freiheit entzieht. „Die Vergangenheit wird durch die Gegenwart gefiltert“, erklärt Degen – und wir erkennen, wie nahe uns die Antike wirklich ist.

Die Studie, erschienen in The Classical Quarterly, öffnet den Blick auf die Mechanismen imperialer Macht und die Vernetzung antiker Welten. Sie entstand im Rahmen des FWF-Clusters of Excellence Eurasian Transformations, an dem neben der Universität Innsbruck auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die Universität Wien und die Central European University beteiligt sind.

Für Studierende der Classica et Orientalia und der Antiken Welten an der Universität Innsbruck ist Degens Forschung nicht nur Theorie: Sie bietet neue Perspektiven auf Machtpraktiken, kulturelle Transfers und die prägenden Einflüsse antiker Imperien – von Persien bis Athen.

Julian Degen ist Assistenzprofessor am Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik der Universität Innsbruck und Key Researcher im FWF-Cluster Eurasian Transformations. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf antiken Imperien, Vernetzung und kulturellen Transfers im eurasischen Raum.

Publikation: Herodotus on the Expedition of Datis and Artaphrenes: Athenian Imperialism Mirrored in the First Persian War, Julian Degen, The Classical Quarterly, 2025. DOI: 10.1017/S0009838825100876

Im Bild: Julian Degen/c-Universität Innsbruck/Fessler