Bei Kunst Meran ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die sich mit großer künstlerischer Klarheit gegen das Vergessen stellt: Eingestellte Gegenwarten. Bilder einer Ausbeutung von Franz Wanner läuft noch bis 18. Jänner 2026 und gehört zu den eindrucksvollsten kulturhistorischen Positionen dieser Saison in Meran.
Die Ausstellung, Wanners erste Einzelausstellung in Italien, setzt sich mit einem lange verdrängten Kapitel deutscher Geschichte auseinander – der nationalsozialistischen Zwangsarbeit, ihrer systematischen Verankerung im NS-Staat und ihren bis heute spürbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Nachwirkungen. Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit ist ein unscheinbares, aber hoch aufgeladenes Objekt: eine improvisierte Schutzbrille aus Plexiglas, gefunden im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen und 2022 von Wanner fotografiert. Vermutlich aus Restmaterialien der NS-Rüstungsindustrie gefertigt, diente sie dem Schutz einer unbekannten zwangsarbeitenden Person – ein verbotener Akt der Selbstermächtigung und des Widerstands, der heute sinnbildlich für Überlebenswillen ebenso steht wie für das kollektive Wegsehen nach 1945.
Franz Wanners künstlerische Praxis verbindet akribische Recherche mit fiktionalen Ebenen. Fotografien, Texte, Videos und Objekte fügen sich zu komplexen visuellen Erzählungen, die sichtbar machen, wie tief Ausbeutungsstrukturen in industrielle, politische und soziale Kontexte eingebettet waren – und weiterhin sind. Die Ausstellung macht deutlich: NS-Zwangsarbeit war kein Randphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches System, von dem viele profitierten, während seine Erinnerung bis heute vielfach verdrängt bleibt.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Kristina Kreutzwald und Martina Oberprantacher. Realisiert wurde sie in Zusammenarbeit mit dem Lenbachhaus München und dem KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst Berlin, was die internationale Bedeutung des Projekts unterstreicht.
Ein wesentlicher Bestandteil des Ausstellungsprojekts ist auch der gleichnamige dreisprachige Katalog, erschienen im Hirmer Verlag. Mit Beiträgen von Kristina Kreutzwald, Martina Oberprantacher, Anna Zinelli, Franz Wanner, Angeli Sachs, Stephanie Weber, Martha Verdorfer und Kathrin Becker vertieft er die in Meran verhandelten Themen. Die grafische Gestaltung und das Layout stammen von Angelika Burtscher und Cecilia Tommasi (Lungomare). Der Katalog ist im Shop von Kunst Meran sowie in ausgewählten Fachbuchhandlungen erhältlich.
Parallel dazu ist bei Kunst Meran auch die Ausstellung „AlpiTypes“ zu sehen, was den Besuch zusätzlich bereichert.
Öffnungszeiten:
Die Ausstellung Eingestellte Gegenwarten. Bilder einer Ausbeutung ist bei Kunst Meran bis 18. Jänner 2026, dienstags bis sonntags, geöffnet (aktuelle Öffnungszeiten gemäß Kunst Meran).
Ein Besuch lohnt sich – nicht nur aus künstlerischer Sicht, sondern als notwendiger Beitrag zu einer kritischen, verantwortungsvollen Erinnerungskultur.
Im Bild: Franz Wanner, Musterfolien (1),2024. Courtesy of the artist