Farbe ist nie nur eine Frage des Geschmacks. Sie kann Macht markieren, Zugehörigkeit signalisieren, Gefühle ausdrücken und gesellschaftliche Grenzen sichtbar machen. Genau dieser kulturellen Kraft widmet das Wien Museum seine neue Ausstellung „Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten“, die vom 1. Oktober 2026 bis 28. März 2027 am Karlsplatz zu sehen ist.
Rund 350 Kleidungsstücke aus der einzigartigen Modesammlung des Museums erzählen eine Geschichte, die weit über Stoffe, Schnitte und Trends hinausgeht. Im Mittelpunkt stehen die klassischen heraldischen Farben Rot, Weiß, Schwarz, Blau, Grün und Gelb – ergänzt durch Farbtöne, deren Bedeutung im heutigen Alltag vielfach in Vergessenheit geraten ist.
Die Ausstellung zeigt, wie eng Kleidung und gesellschaftliche Ordnung über Jahrhunderte miteinander verbunden waren. Farbe konnte Wohlstand und Rang ausdrücken, religiöse Zugehörigkeit markieren oder politische und soziale Identitäten sichtbar machen. Was heute selbstverständlich erscheint, war früher häufig streng geregelt.
Von der Arbeitskleidung bis zur Ballrobe, von Dessous und Kopfbedeckungen bis zu Holzsandalen und Bürokostümen: Die Auswahl macht deutlich, wie unterschiedlich Farbe in verschiedenen Lebenswelten eingesetzt wurde. Dabei geht es nicht um künstlich arrangierte Modebilder, sondern um tatsächlich getragene Kleidung – und damit um die Ästhetik des Alltags.
Auch zahlreiche bekannte Wiener Namen sind vertreten, darunter Gertrud Höchsmann, Adele List, Fred Adlmüller, Helmut Lang, Schella Kann und Susanne Bisovsky. Ihre Entwürfe und Kleidungsstücke stehen neben anonym gebliebenen Alltagsobjekten und machen so die ganze Bandbreite der Modesammlung sichtbar.
Der zeitliche Bogen reicht vom streng reglementierten 18. Jahrhundert bis zur farblich nahezu anarchischen Gegenwart. Dabei erzählt „Farbenspiel“ von Luxus und Armut, Nostalgie und Innovation, Heiligkeit und Weltlichkeit. Farbe erscheint als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen – und zugleich als aktive Kraft, die selbst an der Gestaltung von Gesellschaft beteiligt ist.
Kuratiert wird die Ausstellung von Michaela Lindinger und Regina Karner, mit kuratorischer Mitarbeit von Andrea Schmidt. Lindinger ist seit vielen Jahren als Kuratorin am Wien Museum tätig und arbeitet unter anderem zu Mode-, Frauen- und Gendergeschichte sowie zur Wiener Stadtgeschichte. Karner war bis 2021 Leiterin der Modesammlung des Wien Museums und forscht zur Mode-, Fest-, Stadt- und Kulturgeschichte.
Eröffnet wird die Ausstellung am 30. September um 18.30 Uhr, ein Mediengespräch findet bereits um 10 Uhr statt. Der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Für alle unter 19 Jahren sowie am ersten Sonntag jedes Monats ist der Eintritt frei.
Begleitend erscheint der Katalog Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten im Verlag Hirmer. „Farbenspiel“ macht damit aus Mode ein gesellschaftliches Archiv: Wer welche Farbe tragen durfte, welche Farbe wählte – und welche Farbe plötzlich möglich wurde, erzählt ebenso viel über eine Epoche wie ihre Politik, Architektur oder Kunst.