Mit mehr als 50 Konzerten an außergewöhnlichen Orten startet das Südtirol Jazzfestival Alto Adige am 26. Juni in seine 44. Ausgabe. Zehn Tage lang verwandelt sich das gesamte Land in einen Klangraum für aktuelle Strömungen des europäischen Jazz, musikalische Experimente und überraschende Begegnungen zwischen Künstlerinnen, Künstlern und Publikum.
Bereits zum Auftakt setzt das Festival ein starkes Zeichen: Das renommierte European Jazz Network zeichnet das Südtirol Jazzfestival mit dem 15. EJN Award for Adventurous Programming aus. Die Auszeichnung würdigt Festivals, die durch innovative Programmgestaltung neue Wege beschreiten und den Jazz als lebendige, offene Kunstform weiterentwickeln. Damit erhält das Südtirol Jazzfestival eine internationale Anerkennung für ein Konzept, das seit Jahren weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt.
Die Besonderheit des Festivals liegt nicht nur in seinem Programm, sondern auch in seinen Spielorten. Zwischen urbanen Räumen, historischen Gemäuern und alpinen Landschaften entsteht eine einzigartige Geografie der Klänge. Den Auftakt gestaltet im NOI Techpark in Bozen das Gard Nilssen Supersonic Orchestra. Die norwegische Großformation präsentiert einen energiegeladenen und experimentierfreudigen Zugang zum Big-Band-Jazz und eröffnet damit eine Festivaledition, die konsequent auf Offenheit und kreative Freiheit setzt.
Charakteristisch für das Festival ist dabei die Idee der Dezentralisierung. Nach dem Eröffnungskonzert lösen sich die Mitglieder des Orchesters in kleinere Formationen auf und entwickeln neue musikalische Konstellationen. So entstehen Konzerte an Orten, die auf den ersten Blick wenig mit Jazz zu tun haben – etwa in der Silvesterkapelle im Langental in Gröden, wo intime Klanglandschaften auf die besondere Atmosphäre des historischen Ortes treffen.
Das diesjährige Programm versteht Jazz als offenes System, das stilistische Grenzen bewusst überschreitet. Hypnotische Grooves stehen neben freier Improvisation, elektronische Einflüsse treffen auf kammermusikalische Feinheiten. Während das Goran Kajfeš Subtropic Arkestra den Waltherplatz in Bozen mit seinem psychedelisch geprägten Sound erfüllt, suchen andere Formationen gezielt die Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Räumen. Das französische Trio Spin & Spells musiziert zwischen den Brennblasen der Destillerie Roner in Tramin, während die italienische Geigerin Anaïs Drago ein Solokonzert im Klimastollen von Prettau gestaltet und die besondere Akustik des Ortes in ihre Performance einbezieht.
Ein zentrales Element des Festivals bleibt die Improvisation als unmittelbarer Dialog. Im Waaghaus in Bozen treffen sich nahezu täglich Musikerinnen und Musiker, die sich zuvor oft noch nie begegnet sind. Ohne festgelegtes Programm entstehen spontane musikalische Begegnungen, die den kreativen Kern des Jazz sichtbar machen: das gemeinsame Entwickeln von Ideen im Moment.
Wer die Nächte musikalisch ausklingen lassen möchte, findet bei den traditionellen Late-Night-Sessions im Batzen Sudwerk einen weiteren Treffpunkt. Dort verbinden sich Jazz, Improvisation und clubtaugliche Rhythmen zu einem Format, das Künstler und Publikum gleichermaßen anzieht.
Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige 2026 präsentiert sich damit einmal mehr als weit mehr als eine klassische Konzertreihe. Es versteht sich als Plattform für künstlerische Entdeckungen, als Experimentierfeld für neue Klangwelten und als Einladung, Musik an Orten zu erleben, an denen sie unmittelbar, überraschend und lebendig wird. Zehn Tage lang steht Südtirol ganz im Zeichen eines Jazz, der Grenzen überschreitet und neue Perspektiven eröffnet.
Foto/© Felix Zimmermann