NS-Geschichte auf der Bühne: Peter Lorenz erhält gedenk_potenziale 2027

Die Entscheidung ist gefallen: Das Theaterprojekt „REISEBÜRO SCHLEICH“ des Tiroler Autors Peter Lorenz wurde von der Fachjury für die „gedenk_potenziale 2027“ ausgewählt. Das gab das Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck im Rahmen der Preisverleihung am 9. Juni bekannt. Das Projekt setzte sich gegen vier weitere Einreichungen durch und erhält im Rahmen der Förderschiene eine Unterstützung von 20.000 Euro.

Mit den „gedenk_potenzialen“ fördert die Stadt Innsbruck seit Jahren innovative Projekte aus Kunst, Wissenschaft und Bildung, die sich mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzen und zugleich Brücken zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen schlagen.

Bei der Verleihung unterstrich Vizebürgermeister Georg Willi die besondere Bedeutung solcher Projekte. Sie würden Formen des Erinnerns schaffen, die nicht auf Distanz blieben oder ausschließlich musealen Charakter hätten. Vielmehr gehe es darum, historische Ereignisse in einen Dialog mit der Gegenwart zu bringen und Fragen aufzuwerfen, die auch heute noch von gesellschaftlicher Relevanz seien.

Im Mittelpunkt des ausgewählten Projekts steht die umstrittene historische Figur Josef Schleich. Während der Zeit des Nationalsozialismus brachte der Österreicher zahlreiche jüdische Menschen über die Grenze nach Jugoslawien und ermöglichte ihnen damit die Flucht vor Verfolgung und Vernichtung. Wie viele Menschen tatsächlich durch seine Hilfe gerettet wurden, ist bis heute Gegenstand historischer Diskussionen.

Gerade diese Ambivalenz macht Schleich für Autor Peter Lorenz zu einer faszinierenden Figur. Zwischen Fluchthelfer und Geschäftsmann, zwischen Menschlichkeit und Eigeninteresse bewegte sich Schleich auf einem schmalen moralischen Grat. Seine Wohnung diente einerseits als Zufluchtsort für Verfolgte, andererseits verkehrten dort auch hochrangige Nationalsozialisten.

Das Theaterstück nähert sich dieser widersprüchlichen Biografie anhand historischer Archivdokumente. Eine Autorin und ein Zeitzeuge rekonstruieren die Geschichte des „Reisebüro Schleich“, schlüpfen in unterschiedliche Rollen und untersuchen Sprache, Motive und Handlungsspielräume der damaligen Akteure. Dabei werden nicht nur historische Zusammenhänge sichtbar, sondern auch Parallelen zu aktuellen Debatten über Flucht, Migration und gesellschaftliche Verantwortung.

Die Uraufführung ist für den 5. Mai 2027 in Innsbruck geplant und entsteht in Kooperation mit dem Theater Praesent sowie dem Dramatiker Graz. Begleitend zur Premiere wird eine Podiumsdiskussion mit Historikerinnen und Historikern stattfinden, die sich mit Fluchthilfe und Schlepperei damals und heute auseinandersetzt. Dabei soll insbesondere die Rolle Innsbrucks als Station auf Fluchtrouten während der NS-Zeit beleuchtet werden.

Ergänzt wird das Projekt durch eine Skulptur im öffentlichen Raum. Die in Beton-Mischtechnik gestaltete Arbeit soll die historischen Fragestellungen dauerhaft sichtbar machen und Passantinnen und Passanten zur Auseinandersetzung mit den Themen Flucht, Verantwortung und Erinnerung anregen.

Mit der Auswahl von „REISEBÜRO SCHLEICH“ setzen die „gedenk_potenziale“ erneut auf ein Projekt, das historische Forschung, künstlerische Reflexion und gesellschaftliche Aktualität miteinander verbindet. Die Jury würdigt damit einen Ansatz, der Erinnerungskultur nicht als Rückblick versteht, sondern als aktiven Beitrag zur Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart.

Bereits jetzt läuft die Ausschreibung für die „gedenk_potenziale 2028“. Projekte können digital eingereicht werden und sollen – ganz im Sinne der Initiative – neue Perspektiven auf Geschichte eröffnen und zugleich Fragen an die Gesellschaft von heute stellen.

Im Bild: Kulturamtsleiterin Isabelle Brandauer und Vizebürgermeister Georg Willi gratulierten dem Tiroler Autor Peter Lorenz zu seinem “gedenk_potenziale”-Projekt “Reisebüro Schleich”/© Stadt Innsbruck/A. Steinacker