Innsbruck erinnert an den polnischen Widerstand gegen das NS-Regime

Mit einer besonderen Veranstaltungsreihe widmet sich Tirol im Juni dem Schicksal der polnischen Widerstandsgruppe in Innsbruck und der bewegenden Geschichte von Leokadia Justman. Forschende des Justman-Projekts präsentieren dabei neue Erkenntnisse über den Widerstand gegen das NS-Regime mitten in Tirol und beleuchten die dramatischen Lebenswege jener Menschen, die Mut und Menschlichkeit bewiesen.

Im Mittelpunkt der Diskussionsveranstaltung am 11. Juni im historischen Festsaal des Landhauses stehen die Brüder Marian und Stefan Kudera, zwei polnische Studenten, die in Innsbruck Medizin und Pharmazie studierten und ab 1943 gemeinsam mit polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie Innsbrucker Bürgerinnen und Bürgern aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisierten. Nachdem die Gruppe von einem Spitzel verraten worden war, wurden die Brüder Kudera von der Gestapo verhaftet und schwer gefoltert. Nach ihrer Deportation ins Konzentrationslager Dachau wurden sie dort am 19. Juli 1944 ermordet.

Neue Forschungsergebnisse aus Dokumenten der Justizanstalt Innsbruck ermöglichen nun die Identifizierung weiterer Mitglieder der Widerstandsgruppe. Die Veranstaltung bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Justman-Projekts mit Nachkommen von Überlebenden zusammen. Ergänzt wird der Abend durch musikalische Beiträge des Pianisten David Kamiński, Sohn des Holocaust-Überlebenden Adam Kamiński, der gemeinsam mit Leokadia Justman nach Innsbruck kam und die Konzentrationslager Auschwitz und Gusen überlebte.

Tirols Landeshauptmann Anton Mattle unterstrich die Bedeutung der Erinnerungsarbeit: Gerade in Zeiten zunehmenden Antisemitismus und Extremismus seien persönliche Geschichten entscheidend, um Geschichte begreifbar zu machen. Die Schicksale von Leokadia Justman und der polnischen Widerstandsgruppe würden eindrucksvoll zeigen, wie wichtig Zivilcourage damals wie heute sei.

Ein weiterer Höhepunkt des Programms ist eine exklusive Kuratorenführung am 24. Juni durch die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“. Kurator Dominik Markl führt dabei durch die Schau und gibt Einblicke in bislang unbekannte Gedichte und Gebete Leokadias, die sie teilweise während ihrer Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis verfasste. Die Texte wurden erst vor wenigen Monaten in Archiven in Washington D.C. und New York entdeckt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt auch der Graphic Novel „Lodzia & Marysia“ des Tiroler Illustrators Alwin Hecher, der Leokadias Flucht und die Verfolgung durch das NS-Regime in eindrucksvollen Bildern verarbeitet.

Die Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ ist als Ergänzung zur Dauerausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ von Montag bis Freitag im Landhaus 1 in Innsbruck geöffnet. Die originalen Gedichte Leokadias können jeweils freitags im historischen Festsaal besichtigt werden.

Das Projekt entstand in Zusammenarbeit des Landes Tirol mit der Universität Innsbruck, dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, der Pädagogischen Hochschule Tirol sowie weiteren wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen im Rahmen der Initiative „Tirol erinnert“.

Foto/© Land Tirol/Christanell