Apokalyptisches Musiktheater in Innsbruck: „missing in cantu“ feiert Österreichische Erstaufführung

Mit der Österreichischen Erstaufführung von missing in cantu (eure paläste sind leer) bringt das Tiroler Landestheater ein ebenso verstörendes wie musikalisch faszinierendes Werk auf die Bühne. Die Oper des Tiroler Komponisten Johannes Maria Staud nach einem Libretto des vielfach ausgezeichneten Dramatikers Thomas Köck erlebt morgen, 23. Mai, um 19 Uhr im Großen Haus ihre Premiere.

Das 2023 in Weimar uraufgeführte Musiktheater entwirft ein düsteres Panorama vom Ende einer Zivilisation. Ausgangspunkt ist ein zerstörter, verlassener Palast – eine Welt nach dem Kollaps. Ein Seher blickt auf die Katastrophen der Menschheit zurück, die er kommen sah, aber nicht verhindern konnte. Im Dialog mit der Figur Echo entsteht eine schonungslose Auseinandersetzung mit Macht, Gewalt und gesellschaftlichem Versagen.

Das Libretto von Thomas Köck arbeitet mit Zeitsprüngen, Wiederholungen und ineinander verschränkten Bildwelten. Die Eroberung Amerikas durch spanische Konquistadoren trifft auf die heutige Opiatkrise in den USA und dystopische Szenen aus einer industrialisierten Fleischproduktion. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen zu einer bitteren Diagnose westlicher Gesellschaften.

Die Inszenierung zeigt Geschichte als endlose Spirale aus Unterwerfung, Profitgier und Verdrängung – hochaktuell und zugleich von archaischer Wucht.

Komponist Johannes Maria Staud, 1974 in Innsbruck geboren und zuletzt mit dem Tiroler Landespreis für Kunst ausgezeichnet, verbindet in seiner Partitur komplexe gesellschaftliche Themen mit einer enorm farbenreichen Klangsprache.

Die Musik reicht von fragilen Klangflächen bis zu eruptiven Chören und opernhaftem Pathos. Neben klassischem Orchester kommen umfangreiches Schlagwerk, Hammondorgel, Klavier und elektronische Klangwelten zum Einsatz. Auch Einflüsse aus Gospel, Swing und Bigband prägen den musikalischen Kosmos des Werks.

Für die musikalische Leitung zeichnet Timothy Redmond verantwortlich, die Regie übernimmt Bettina Bruinier, Co-Direktorin Schauspiel am Tiroler Landestheater. Ergänzt wird die Produktion durch Videoarbeiten von Ayşe Gülsüm Özel, eine Choreografie von Volker Michl sowie die Live-Elektronik des SWR Experimentalstudios.

In den zentralen Rollen sind unter anderem Marcel Brunner als Seher und Hazel Neighbour als Echo zu erleben. Mitwirkende sind außerdem Stephen Chaundy, Christian Miedl, Jennifer Maines, William Blake, Bernarda Klinar, Jakob Nistler und Sabrina Henschke. Es spielen das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck sowie der Chor des Tiroler Landestheaters.

Weitere Aufführungen folgen am 27. Mai, 5. Juni, 18. Juni und 3. Juli 2026. Bereits 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn bietet Co-Musiktheater-Direktorin Julia Spinola jeweils eine Einführung mit Hintergrundinformationen zur Entstehung und Inszenierung der Produktion.

Mit missing in cantu präsentiert das Tiroler Landestheater ein zeitgenössisches Musiktheater von großer gesellschaftlicher Sprengkraft – zwischen Untergangsvision, politischer Analyse und klanglicher Überwältigung.

Im Bild: Szene aus der Musiktheaterproduktion missing in cantu (eure paläste sind leer) am Tiroler Landestheater. Die Inszenierung von Bettina Bruinier verbindet dystopische Bühnenbilder, starke Lichtstimmungen und chorische Massenszenen zu einem eindringlichen Endzeit-Panorama. Im Zentrum stehen Figuren zwischen Zusammenbruch, Erinnerung und Anklage/c-F. Stecher