Zwischen europäischer Bürgerschaft, sozialem Engagement und dem politischen Aufbruch der bayerischen Metropole
Mit dem politischen Wandel in München beginnt für die bayerische Landeshauptstadt eine neue Phase kommunaler Gestaltung. Unter dem neuen Oberbürgermeister Dominik Krause setzt die grün geführte Stadtregierung auf soziale Gerechtigkeit, nachhaltige Stadtentwicklung und eine stärkere Bürgerbeteiligung.
Eine der markantesten Persönlichkeiten dieses politischen Aufbruchs ist Carmen Romano – die erste italienische Stadträtin Münchens seit 2008. Ihre Wahl besitzt nicht nur symbolischen Charakter, sondern steht exemplarisch für ein neues Verständnis europäischer Teilhabe auf kommunaler Ebene.
Die 1989 in Ferrara geborene Politikerin lebt seit 2011 in München. Dort hat sie sich über Jahre hinweg als politische Bildnerin, Aktivistin und Brückenbauerin zwischen der italienischen und deutschen Zivilgesellschaft etabliert. Heute gehört sie der Grünen-Fraktion im Münchner Stadtrat an und engagiert sich zugleich im Migrationsbeirat der Stadt.
Ihre politische Laufbahn ist eng mit gesellschaftlichem Engagement verbunden. Für die Petra-Kelly-Stiftung organisiert Romano Seminare und Diskussionsveranstaltungen zu Demokratie, Teilhabe und Menschenrechten. Gleichzeitig engagiert sie sich in Initiativen wie Frauen der Welt, Equal Care sowie Mafia? Nein danke!.
Auch kulturell setzt Romano Akzente. Mit Podcasts wie Die Farbe der Nation und als Moderatorin des Literaturfestivals ILfest fördert sie den interkulturellen Dialog zwischen Italien und Deutschland.
Ihr akademischer Hintergrund in Politikwissenschaft – erworben an den Universitäten in Forlì und Eichstätt – bildet dabei die Grundlage für einen Politikstil, der Theorie und gesellschaftliche Praxis miteinander verbindet.
„Eine Stadt für alle“
Im Gespräch beschreibt Carmen Romano die Leitidee der neuen Münchner Stadtregierung als einen Politikwechsel mit konkreten Auswirkungen auf den Alltag der Menschen.
„Wenn wir eine Sache aus dem Wahlkampf gelernt haben, dann diese: Kommunalpolitik kann Menschen bewegen, weil es um konkrete Verbesserungen im Alltag geht. Wir sind für eine Aufbruchstimmung eingetreten, für eine ,Stadt für alle‘, in der alle Perspektiven gehört werden.“
Für Romano steht fest, dass München als größte Kommune Deutschlands vor gewaltigen Herausforderungen steht – vom Wohnungsmarkt bis zur Modernisierung der Verwaltung.
„Wir können uns keinen Stillstand leisten. Wir müssen mutig sein und uns auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten, ohne jemanden hinterherzulassen.“
Besonders die Themen bezahlbares Wohnen und öffentlicher Nahverkehr stünden im Mittelpunkt der neuen politischen Agenda.
„Unser Ziel ist, dass die Menschen im Alltag spüren, dass sich etwas verbessert und ihre Probleme ernst genommen werden: Bezahlbares Wohnen ist das zentrale Thema, ebenso wie ein zuverlässiger ÖPNV für alle.“
Gleichzeitig fordert sie eine effizientere und digitalere Verwaltung: „All das gelingt jedoch nicht ohne eine funktionierende Verwaltung: Sie soll schneller und noch digitaler werden.“
Wohnungsnot als zentrale Herausforderung
Wie viele europäische Metropolen leidet auch München unter massiv steigenden Mieten und Wohnraummangel. Romano sieht darin eine der dringendsten sozialen Fragen der kommenden Jahre.
„Die Lage ist komplex und es gibt keine allheilige Lösung, aber als Grüne können wir deutlich mehr tun als bisher.“
Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt sie die Umwandlung leerstehender Büroflächen in Wohnraum, die Stärkung des kommunalen Wohnungsbaus sowie einen besseren Schutz von Mietern vor Verdrängung.
„Wir müssen bestehende Flächen effizienter nutzen und kreative Ideen entwickeln, um die Lage zu entschärfen.“
Klimaschutz mit sozialer Verantwortung
Auch in der Umweltpolitik setzt die neue Stadtregierung auf einen pragmatischen Kurs. Für Romano darf Klimaschutz nicht abstrakt bleiben, sondern müsse unmittelbar im Alltag der Bürger spürbar werden.
„Klimaschutz darf kein allgemeines Versprechen bleiben, sondern muss verbindlich werden.“
Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Radinfrastruktur spiele dabei ebenso eine zentrale Rolle wie mehr Grünflächen in den Stadtvierteln. „Wer sich sicher fühlt, fährt weniger Auto.“
Besonderes Augenmerk legt sie auf die soziale Dimension der ökologischen Transformation.
„Klimaschutz ist kein Luxusproblem: Die Maßnahmen müssen sozio-ökonomische Aspekte berücksichtigen und im Alltag funktionieren, sonst werden sie nicht akzeptiert.“
Die italienische Community als politischer Faktor
Mit rund 30.000 Einwohnern stellt die italienische Gemeinschaft eine der größten internationalen Communities Münchens dar. Dennoch war ihre politische Repräsentation bislang begrenzt.
Romano sieht ihre Wahl deshalb auch als Signal für mehr politische Teilhabe von Menschen mit internationaler Biografie.
„Die italienische Community hat eine lange Geschichte in München, spiegelte sich bisher aber eher in einer aktiven Zivilgesellschaft als in politischem Engagement wider.“
Ihre eigene Rolle versteht sie als Brücke zwischen Institutionen und migrantischen Gemeinschaften.
„Meine Herkunft und meine Sprache symbolisieren für die gesamte Community einen neuen, direkten Zugang zur Kommunalpolitik mit weniger Barrieren.“
Dabei gehe es letztlich um weit mehr als Integration im klassischen Sinn.
„Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich nicht nur willkommen zu fühlen, sondern auch gehört zu werden.“
Ein europäisches politisches Beispiel
Carmen Romano verkörpert eine neue Generation europäischer Kommunalpolitikerinnen: transnational geprägt, gesellschaftlich engagiert und nah an den konkreten Problemen urbaner Lebensrealitäten.
Ihr Aufstieg in der Münchner Kommunalpolitik zeigt, wie sehr lokale Demokratie heute von internationalen Perspektiven profitieren kann. Gerade in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Spannungen und politischer Polarisierung wirkt ihr Ansatz bemerkenswert: Politik nicht als abstrakte Ideologie zu begreifen, sondern als konkrete Gestaltung des Zusammenlebens.
Damit ist Romano längst mehr als nur die erste italienische Stadträtin seit vielen Jahren – sie steht sinnbildlich für ein modernes, offenes und europäisches München.
Im Bild: Jacopo Cosenza mit Carmen Romano