



In Wien gilt seit jeher: Kunst und Kultur sind allgegenwärtig, fast selbstverständlich Teil des urbanen Selbstverständnisses. Doch wer daraus ableitet, kreative Energie sei ausschließlich in der Bundeshauptstadt zu verorten, wurde in den vergangenen Wochen im 17. Bezirk eines Besseren belehrt. In der Kunstgalerie Contemplor in der Kalvarienberggasse entfaltete sich mit der Ausstellung und Veranstaltungsreihe „Im Westen was Neues“ ein vielschichtiges Kulturprojekt, das sich bewusst als grenzüberschreitender Resonanzraum verstand.
Initiator, Kurator und prägende künstlerische Kraft dieses Projekts war der international renommierte Dramaturg und Theaterregisseur Reinhard Auer, seit Jahrzehnten Leiter des Freies Theater Bozen. Seine künstlerische Praxis, die sich stets zwischen Theater, Literatur und performativer Überschreitung bewegt, bildet auch hier das konzeptuelle Fundament: Kunst nicht als abgeschlossene Form, sondern als offenes System von Beziehungen.
Der Titel „Im Westen was Neues“ ist dabei programmatisch zu lesen – als Einladung, den westlichen Kulturraum Österreichs sowie Südtirols nicht als Peripherie, sondern als eigenständiges Zentrum produktiver künstlerischer Dynamik zu begreifen. Wien wurde so nicht als Endpunkt, sondern als Knotenpunkt eines erweiterten kulturellen Netzes verstanden.
Im Zentrum der Ausstellung standen zwei kuratierte künstlerische Positionen: das Künstlerkollektiv Salzburg unter der Leitung von Andrea Höll sowie die Innsbrucker Galerie D’Ecole, geführt von der Malerin Isabella Christo. Jeweils zehn Künstler:innen aus beiden Kontexten präsentierten ihre Arbeiten in einer bewusst dialogisch angelegten Hängung.
Die gezeigten Werke spannten ein breites ästhetisches und inhaltliches Spektrum: konzeptuelle Arbeiten mit gesellschaftspolitischer Tiefenschärfe trafen auf expressive Malerei, figurative Verdichtungen auf abstrakte Farbräume, installative Ansätze auf narrativ geprägte Bildwelten. Gerade diese Heterogenität war kein Nebeneffekt, sondern zentrales kuratorisches Prinzip: Differenz wurde nicht geglättet, sondern als produktive Reibungsfläche inszeniert.
Auer, geprägt durch seine Theaterarbeit, strukturierte die Ausstellung wie eine räumliche Dramaturgie. Die Werke wurden nicht isoliert präsentiert, sondern in Beziehung gesetzt – als visuelle Szenenfolge, als Konstellationen, als stille oder auch spannungsvolle Gegenüberstellungen. Die Galerie wurde damit zu einem choreografierten Erfahrungsraum, in dem sich Sehen, Lesen und Deuten überlagerten.
Doch das Projekt ging weit über die klassische Ausstellung hinaus. „Im Westen was Neues“ entwickelte sich über mehrere Wochenenden hinweg zu einem interdisziplinären Kulturformat, das Musik, Literatur, Performance und bildende Kunst in einem offenen, bewusst durchlässigen Setting zusammenführte.
Den musikalischen Auftakt gestaltete die Violinistin Yuliya Lebedenko mit Werken von Antonio Vivaldi, Vittorio Monti und Johannes Brahms sowie ausgewählten russischen Romanzen. Ihr Spiel verband technische Präzision mit einer stark erzählerischen, beinahe sprechenden Klanggestaltung.
Es folgte die Harfenistin Zsuzsanna Aba-Nagy, die ein stilistisch weit gespanntes Programm präsentierte: Werke von Hugh Aston, Béla Bartók und Isaac Albéniz trafen auf eigene Kompositionen, darunter ein „Liebestango“, der die Harfe aus ihrem traditionellen Klangraum löste und in eine zeitgenössisch-assoziative Klangsprache überführte.
Im vokalen Bereich setzte die Sopranistin Tehmine Schaeffer-Zaryan mit armenischen Volksliedern und Opernarien einen ersten Akzent, gefolgt von Xenia A. Galanova, die russische Romanzen und Opernpartien interpretierte. Die griechisch-österreichische Sängerin Ellen Halikiopoulos spannte den Bogen weiter zu modernen Liedformen, Wiener Liedgut und griechischer Musiktradition.
Am darauffolgenden Abend trat Mina Kornblum mit einem eigenständigen Programm aus Chansons, Covers und ihrem charakteristischen „Po-Soul“-Stil auf – eine bewusste Verschmelzung von Intimität, Pop-Ästhetik und performativer Eigenlogik.
Die literarische Dimension des Projekts wurde durch mehrere Autor:innen getragen. Maria von Amstett präsentierte Auszüge aus ihren Romanen „Kniefällig“ und „Kniefällig II“, während Katharina M. Erlacher aus ihrem Debüt „Unter dem blauen Mantel“ las – einer Perspektivverschiebung, in der eine weibliche Autorin konsequent aus der Sicht eines Mannes über Erotik und Wahrnehmung schreibt.
Der Meraner Autor Claudio David Calabrese stellte seinen Bildungsroman „Di fuga in fuga“ vor und verband darin Fragen von Migration, Identität und europäischer Bewegungsgeschichte. Besonders bemerkenswert war die erstmalige Lesung einzelner Passagen auf Deutsch, die dem Werk eine zusätzliche Ebene der Vermittlung eröffnete.
Ergänzt wurde das literarische Programm durch die Prosatexte von Brigitte Gmach, die entlang der Via Claudia Augusta Landschaft, Erinnerung und Erzählung miteinander verschränkte, sowie durch die lyrischen Arbeiten von Isabella Christo, die ihre bildnerische Praxis in poetische Sprache überführte.
Einen bewusst performativen Gegenpol bildete das Format „Jodeln ist ein Freudenfest“, gestaltet von Birgity Puggelsheim, Karin Birnbaumer und Maria Kapelari gemeinsam mit „Jodeli XXX“. Hier verschränkten sich Volkskultur, Workshop-Charakter und performative Intervention zu einer offenen, spielerischen Form, die bewusst mit Erwartungen brach.
Die Finissage am 4. Mai bildete den abschließenden Höhepunkt der Reihe. Die Künstlerin Melanie Rauch präsentierte eigens entworfenen und gefertigten Schmuck, der die Schnittstelle zwischen angewandter und bildender Kunst markierte. Unmittelbar danach setzte der Schnellzeichner Reini Buchacher mit seinen Live-Karikaturen einen performativen Schlusspunkt, indem er das Publikum selbst zum Teil des künstlerischen Prozesses machte.
Galerist Konstantin Chatziathanassiou und Initiator Reinhard Auer zeigten sich mit dem Verlauf der Veranstaltung zufrieden, insbesondere angesichts der dichten Publikumsresonanz und der intensiven interdisziplinären Verflechtung der Beiträge.
Ermöglicht und getragen wurde das Projekt durch die Unterstützung zahlreicher Institutionen und Partner: das Land Wien, das Land Salzburg und das Land Tirol sowie Einrichtungen aus Südtirol, die dem grenzüberschreitenden Charakter des Vorhabens zusätzliche inhaltliche Tiefe verliehen. Ebenso beteiligt waren die Österreichisch-Armenische Kulturgesellschaft sowie die Österreichisch-Italienische Gesellschaft. Unterstützt wurde das Projekt darüber hinaus von der Gestaltung Werbeagentur Helmut Adelsberger, dem Künstlerkollektiv Salzburg und der Galerie D’Ecole. Ergänzt wurde das Fördernetzwerk durch das Weingut Roch sowie den Verein beSTIMMt belcanto, die gemeinsam wesentlich zur Realisierung dieses interdisziplinären Kulturprojekts beitrugen.
So bleibt „Im Westen was Neues“ nicht als bloße Ausstellungsreihe zu beschreiben, sondern als temporärer Kulturzustand: ein verdichteter Raum aus Musik, Sprache, Bild und Körper, in dem sich regionale Verortung und transregionale Offenheit produktiv überlagerten – und in dem sich zeigte, dass kulturelle Relevanz längst dort entsteht, wo Grenzen nicht als Begrenzung, sondern als Übergang gedacht werden.



