Die aktuelle Energiekrise zeigt ihre Wirkung längst nicht mehr nur an der Zapfsäule. Was sich derzeit rund um die blockierte Straße von Hormus abspielt, hat direkte Folgen für unsere Ernährungssysteme – und stellt grundlegende Fragen an die Zukunft der Landwirtschaft. Denn ein Großteil der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt nach wie vor an fossilen Energien.
Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls und Erdgases passieren in normalen Zeiten diese strategisch wichtige Route. Fällt sie aus, steigen nicht nur die Preise – ganze Produktionsketten geraten ins Wanken. Besonders deutlich wird das in der Landwirtschaft: Synthetischer Stickstoffdünger, ein zentraler Baustein der konventionellen Produktion, ist ohne fossile Energie kaum denkbar. Wird diese knapp, schnellen die Kosten in die Höhe – mit direkten Folgen für Betriebe und Verbraucher.
Für die Bioland ist die aktuelle Situation daher ein Weckruf. Präsident Jan Plagge sieht darin ein deutliches Signal: Das globalisierte Ernährungssystem sei verletzlich, die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen zu groß. Ähnlich argumentiert auch Walter Steger, der mehr regionale Kreisläufe und Eigenständigkeit fordert.
Ein konkretes Beispiel dafür findet sich im Passeiertal. Auf dem Niedersteinhof setzt Landwirt Walter Moosmair konsequent auf erneuerbare Energien. Photovoltaikanlagen, Wärmepumpe und sogar ein kleines Windrad sorgen dafür, dass der Hof vollständig energieautark betrieben werden kann. Ein geschlossener Kreislauf, der nicht nur das Klima schont, sondern auch wirtschaftliche Unabhängigkeit schafft. Für dieses innovative Konzept wurde Moosmair mit dem CERES AWARD 2025 ausgezeichnet.
Dass dieser Ansatz nicht nur in der Landwirtschaft funktioniert, zeigt ein weiteres Beispiel aus Brixen. Die Bio-Bäckerei Profanter hat ihre Produktion konsequent umgestellt: Statt Heizöl kommen heute elektrisch betriebene Öfen zum Einsatz, gespeist aus eigenen Photovoltaikanlagen. Ergänzt durch eine leistungsstarke Speicherbatterie erreicht der Betrieb eine Energieautonomie von rund 80 Prozent. Für Bäckermeister Benjamin Profanter ist das nicht nur ein ökologischer Schritt, sondern auch eine wirtschaftlich sinnvolle Investition – und ein bewusst gesetztes Signal an andere Betriebe.
Die Beispiele zeigen: Bio ist längst mehr als eine Frage des Anbaus. Es geht um ein ganzheitliches System, das Energie, Produktion und regionale Wertschöpfung zusammendenkt. Mit der Gründung einer eigenen Fachgruppe für erneuerbare Energien will Bioland Südtirol diesen Weg nun weiter vorantreiben.
Die Energiekrise macht deutlich, wie eng Ernährung und Energie miteinander verknüpft sind. Und sie zeigt zugleich, dass Lösungen bereits existieren – in Form von Betrieben, die auf Kreisläufe, Innovation und Unabhängigkeit setzen. Vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem „mehr Bio“ nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit wird.
Im Bild: Walter Moosmair