Die intensive Nutzung digitaler Medien gehört für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Eine groß angelegte Studie aus Südtirol zeigt nun jedoch, dass nicht allein die Dauer der Bildschirmzeit über die gesundheitlichen Auswirkungen entscheidet. Vielmehr spielen das Alter, das familiäre Umfeld und insbesondere das seelische Wohlbefinden eine zentrale Rolle.
Im Frühjahr 2025 führte das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen im Rahmen der Langzeitstudie „Corona und Psyche Südtirol“ (COP-S) eine umfassende Online-Befragung durch. Über 40.000 Familien wurden eingeladen, mehr als 5.800 Eltern sowie rund 1.600 Jugendliche beteiligten sich. Die Ergebnisse geben einen differenzierten Einblick in das Medienverhalten junger Menschen zwischen sechs und 19 Jahren.
Die Daten zeigen deutliche altersabhängige Unterschiede: Während fast neun von zehn Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren täglich mehr als zwei Stunden ihrer Freizeit mit digitalen Medien verbringen, trifft dies bei den Sechs- bis Neunjährigen lediglich auf etwa jedes achte Kind zu. Mit zunehmendem Alter steigt also nicht nur die Nutzungsdauer, sondern auch das Risiko problematischer Nutzungsmuster.
Ein besonderer Fokus der Untersuchung lag auf der sogenannten problematischen Internetnutzung. Dabei handelt es sich um ein Verhalten, bei dem die Nutzung digitaler Geräte den Alltag beeinträchtigt und andere Aktivitäten in den Hintergrund treten. Entscheidend ist laut Studie jedoch nicht die soziale Herkunft oder die Schulform, sondern vor allem die psychische Verfassung der Jugendlichen. Wer unter Angst oder depressiven Symptomen leidet, zeigt deutlich häufiger problematische Nutzungsmuster. Das Internet dient dabei oft als Bewältigungsstrategie, kann aber gleichzeitig bestehende Belastungen verstärken. Auffällig ist zudem, dass Mädchen digitale Medien häufiger zur Stimmungsregulation nutzen als Jungen.
Die Ergebnisse relativieren damit pauschale Aussagen wie „Weniger Bildschirmzeit ist immer besser“. Für jüngere Kinder zwischen sechs und neun Jahren gilt zwar tatsächlich: weniger ist mehr. In der Altersgruppe der Zehn- bis 13-Jährigen hingegen ist weder besonders hohe noch besonders niedrige Nutzung automatisch günstig. Hier kommt es vor allem auf eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern an. Bei älteren Jugendlichen können gemeinsam vereinbarte Regeln, etwa zur Nutzung am Abend, positive Effekte haben – insbesondere auf Schlafdauer und Wohlbefinden.
Auch der Einsatz von Kontroll-Apps durch Eltern wurde untersucht. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern nutzt entsprechende digitale Werkzeuge. Die Ergebnisse zeigen jedoch ein ambivalentes Bild: Bei jüngeren Kindern stehen solche Apps häufig im Zusammenhang mit bereits erhöhtem Medienkonsum und sind eher eine Reaktion darauf. Bei frühen Jugendlichen sind sie oft mit Verhaltensauffälligkeiten verbunden. Erst bei älteren Jugendlichen zeigen sich potenziell positive Effekte, etwa eine längere Schlafdauer bei begrenzter Bildschirmzeit.
Aus den Daten lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Für jüngere Kinder sind klare und altersgerechte Regeln entscheidend. Bei Zehn- bis 13-Jährigen sollte der Fokus stärker auf Gesprächen liegen als auf Kontrolle. Eltern sind gefragt, aufmerksam zuzuhören und mögliche Belastungen ernst zu nehmen. Bei älteren Jugendlichen können gemeinsam ausgehandelte Regeln sinnvoll sein, insbesondere im Hinblick auf gesunde Schlafgewohnheiten.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Bedeutung des seelischen Wohlbefindens. Wenn Jugendliche digitale Medien vor allem nutzen, um Problemen zu entkommen, sollte dies als Warnsignal verstanden werden. In solchen Fällen sind nicht strengere Kontrollen gefragt, sondern offene Gespräche und gegebenenfalls professionelle Unterstützung.
Auch Schulen und das Gesundheitssystem spielen eine wichtige Rolle. Medienkompetenz und emotionale Fähigkeiten sollten stärker in den Unterricht integriert werden. Gleichzeitig sind niedrigschwellige Informationsangebote für Eltern notwendig, insbesondere für sozial benachteiligte Familien.
Die Studie macht deutlich: Der Umgang mit digitalen Medien lässt sich nicht auf einfache Regeln reduzieren. Entscheidend ist ein ganzheitlicher Blick auf die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen – und die Bereitschaft, sie in ihrer Entwicklung aktiv und verständnisvoll zu begleiten.
Im Bild: IAM Prof. Christian Wiedermann/© Institut Allgemeinmedizin Bozen