„Ab heute heißt du Sara“ – das unerschütterliche Leben der Inge Deutschkron

Inge Deutschkron wurde am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren, wuchs jedoch in Berlin auf, wo sie schon als Kind die politische Leidenschaft ihrer Eltern erlebte. Ihr Vater, Dr. Martin Deutschkron, Funktionär der SPD und Jude, warnte früh vor den Nationalsozialisten – und diese Warnungen sollten bitter real werden. Mit dem Machtantritt Hitlers 1933 begann für die Familie eine Zeit der Verfolgung und des Verlusts. Inge war erst zehn Jahre alt, als ihre Mutter ihr erklärte, dass sie Jüdin sei – ein Begriff, dessen Tragweite sie damals noch nicht begreifen konnte.

Der Vater konnte 1939 nach England emigrieren, doch Mutter und Tochter blieben in Berlin zurück. Mit dem Kriegsausbruch war jede Hoffnung auf Familienzusammenführung zunächst vergeblich. Zwangsarbeit in der Kunstseidefabrik ACETA, absichtlich zugefügte Verletzungen, um entlassen zu werden, und die ständige Angst vor Deportation prägten Inges Jugend. Rettung kam durch mutige Helfer wie Otto Weidt, der in seiner Berliner Werkstatt für Blinde Jüdinnen und Juden versteckte, Lebensmittel besorgte und Arbeitsausweise fälschte. Unter falschem Namen überlebten Inge und ihre Mutter die letzten Kriegsmonate und das Chaos der Nachkriegszeit in Potsdam.

Nach 1946 endlich in England wiedervereint mit ihrem Vater, begann Deutschkron ihr drittes Leben: Studium, Arbeit bei der Sozialistischen Internationale, Auslandskorrespondentin für die israelische Zeitung Maariv. Sie berichtete über den ersten Auschwitzprozess in Frankfurt und reiste durch Indien, Burma, Nepal und Israel. 1972 wanderte sie nach Tel Aviv aus, fand in Israel Ruhe und Abstand, schrieb ihr Buch „Ich trug den gelben Stern“ und begann, ihre Geschichte zu erzählen – für die Öffentlichkeit, für die Jugend, für die Erinnerung.

Doch ihre Rückkehr nach Berlin ab 1989 markierte einen vierten Lebensabschnitt. Das Buch wurde für das GRIPS-Theater adaptiert: Unter dem Titel „Ab heute heißt du Sara“ erlebte es Hunderte Aufführungen und machte Deutschkron zur zentralen Stimme der Holocaust-Erinnerung in Schulen und öffentlichen Einrichtungen. Sie initiierte Projekte wie das Blumenstrauß-Projekt oder die Gedenkveranstaltungen für die Berliner Jüdinnen und Juden, die am 18. Oktober 1941 vom Gleis 17 deportiert wurden.

Deutschkrons Engagement war unermüdlich: Sie setzte sich für die Benennung eines Platzes nach Otto Weidt ein, gründete den Förderverein „Blindes Vertrauen“, kuratierte Ausstellungen und sorgte dafür, dass die Geschichten der Überlebenden sichtbar bleiben. Auch internationale Anerkennung blieb nicht aus: Von der Rahel-Varnhagen-von-Ense-Medaille über den Carl-von-Ossietzky-Preis bis zur Ehrenbürgerschaft Berlins 2018 – ihre Arbeit wurde vielfach gewürdigt, stets jedoch ohne die Vergangenheit der Täter zu verdrängen.

Inge Deutschkron starb am 9. März 2022, doch ihr Werk lebt weiter: als Mahnung, als Erinnerung, als Brücke zwischen den Generationen. Ihr Leben ist ein Beleg dafür, dass Mut, Wachsamkeit und Zivilcourage nicht nur die Gegenwart prägen, sondern auch die Zukunft gestalten.

Foto, Inge Deutschkron/c-Portrait von Claudio David Calabrese