Noch bevor Städte entstanden, bevor Ackerbau und Schrift das menschliche Leben strukturierten, schufen Menschen monumentale Orte der Zusammenkunft. Die Sonderausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“, die vom 6. Februar bis 19. Juli 2026 in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel zu sehen ist, rückt diesen radikalen Anfang menschlicher Gesellschaften ins Zentrum – und stellt ihn als gemeinschaftliche Leistung von überraschender Komplexität vor.
Das Vorderasiatische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin zeigt erstmals in dieser Dichte Kunst und Bildwerke der frühesten sesshaften Kulturen Südostanatoliens. Im Fokus stehen Göbeklitepe und weitere Fundorte des Forschungsprojekts Taş Tepeler, an denen monumentale Steinarchitekturen mit reich verzierten Reliefs und Skulpturen freigelegt wurden. Viele der Exponate sind zum ersten Mal außerhalb der Türkiye zu sehen – ein seltener Blick auf eine Epoche, die lange als Übergangszeit unterschätzt wurde.
Die Ausstellung, kuratiert in Zusammenarbeit mit der Universität Istanbul, versteht diese steinernen Monumente nicht als isolierte Kunstwerke, sondern als Ausdruck einer komplexen spirituellen und sozialen Ordnung. Die Reliefs von Tieren, Mischwesen und abstrakten Zeichen verweisen auf Rituale, Feste und kollektive Praktiken, mit denen Gemeinschaft gestiftet, stabilisiert und erneuert wurde. Sesshaftigkeit erscheint hier nicht als technischer Fortschritt, sondern als soziale Innovation: Gemeinschaft wird zur Voraussetzung für Überleben und Resilienz.
In acht thematischen Abschnitten entfaltet die Schau ein Panorama des frühen sesshaften Lebens – von Geburt und Alltag bis zu Tod und Ahnenkult. Architekturrekonstruktionen, Filme und mediale Installationen ermöglichen ein immersives Eintauchen in diese ferne Welt. Ergänzt wird die archäologische Perspektive durch die Fotografien der spanischen Künstlerin Isabel Muñoz, deren zeitgenössische Arbeiten die symbolische Kraft der letzten Jäger- und frühen Siedlergesellschaften neu interpretieren. Ihre Bilder schlagen eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Rekonstruktion und heutiger Wahrnehmung von Körper, Ritual und Transzendenz.
Entstanden ist die Ausstellung aus einem internationalen Forschungsverbund, an dem Wissenschaftler*innen aus Türkiye, Deutschland, Japan, Italien und Großbritannien beteiligt sind. Gezeigt werden ausgewählte Exponate aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa, ergänzt durch Modelle, Medien und fotografische Arbeiten. Damit wird nicht nur archäologisches Neuland betreten, sondern auch ein kulturpolitisches Zeichen gesetzt: für Kooperation, Wissensaustausch und den gemeinsamen Blick auf das kulturelle Erbe der Menschheit.
Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Führungen und Künstlergesprächen. Eine dreisprachige Publikation in Deutsch, Türkisch und Englisch vertieft die präsentierten Forschungsergebnisse.
„Gebaute Gemeinschaft“ erzählt keine Geschichte des Fortschritts, sondern eine der Verbundenheit. Sie zeigt, dass am Anfang der Sesshaftigkeit nicht der einzelne Mensch stand, sondern das Kollektiv – und dass Gemeinschaft schon vor 12.000 Jahren aus Stein gebaut wurde.
Im Bild: Luftaufnahme von Karahantepe/© Karahantepe Project Archive/Yusuf Aslan