
Zum 30. Todestag Heiner Müllers erinnert das FREIE THEATER BOZEN am 30. Dezember 2025 im Waltherhaus Bozen an einen Autor, der wie kaum ein anderer die ästhetische und politische Ausrichtung des Ensembles geprägt hat. Mit dem Abend „ICH, DER GEFRORENE STURM“ wird nicht nur Heiner Müller geehrt, sondern auch eine über drei Jahrzehnte währende intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk sichtbar gemacht.
Der Abend ist als vierteilige szenische Collage konzipiert, bestehend aus Szenen, Texten, Gedichten und Briefen Heiner Müllers. Sie gibt Auskunft über Person, Werk und Wirkung eines Autors, dessen Theaterverständnis bis heute herausfordert. Exemplarische Passagen aus den Dramen „Hamletmaschine“, „Der Auftrag“ und „Quartett“ (Henschel-Verlag Berlin) werden szenisch verdichtet, ergänzt durch Gedichte und Brieftexte, in denen Müller seine Vorstellungen von Theater, Geschichte und politischer Verantwortung formuliert.
Gestaltet wird der Abend von den Ensemblemitgliedern Rebecca Halm, Greta Lindermuth, Gabi Langes, David Auer, Alexander Flache, Thomas Giegerich und Martin Greif. Regie führt Reinhard Auer, die Kostüme entwerfen Sieglinde Michaeler und Walter Granuzzo.
Dass diese Würdigung ausgerechnet vom Freien Theater Bozen ausgeht, ist kein Zufall: Kaum ein anderes freies Ensemble im deutschsprachigen Raum hat sich so kontinuierlich und über einen so langen Zeitraum mit Heiner Müller beschäftigt.
Bereits 1994 zeigte das Freie Theater Bozen in Bozen Müllers Text „Bildbeschreibung“, 1995 folgte „Quartett“, ebenfalls in Bozen. 1996 kam „Verkommenes Ufer“ zur Aufführung, 2013 schließlich „Landschaft mit Argonauten“.
Zwischen 1995 und 2015 veranstaltete das Ensemble in Bozen und an wechselnden Spielorten immer wieder Erinnerungs- und Gedenkabende zu Heiner Müller, die sein Werk im Repertoire und im öffentlichen Bewusstsein hielten. Während der Covid-Pandemie entstand 2020 der Kurzfilm „Im Regen aus Vogelkot“, der unter Pandemiebedingungen in Bozen produziert und online veröffentlicht wurde.
Darüber hinaus war und ist Heiner Müller ein zentraler Motor für die internationale Arbeit des Freien Theaters Bozen. Zwischen 2003 und 2020 wurden Müller-Produktionen des Ensembles im Ausland gezeigt: in der Ukraine, in Georgien, Russland, Zypern, Armenien, China und Serbien. Während der Pandemie wurden Müllers Texte zuletzt virtuell in der Mongolei präsentiert. Müller wurde so zu einem künstlerischen „Reisepass“ des Ensembles und zu einer Brücke in andere Theater- und Kulturräume.
Heiner Müller (1929–1995) war am Ende seines Lebens eine Kultfigur: Intendant des Berliner Ensembles, Präsident der Akademie der Künste und international vielfach geehrter Theatermacher, unter anderem mit dem Europäischen Theaterpreis. Seine gesellschafts- und kulturpolitischen Analysen, seine Skepsis gegenüber ideologischen Gewissheiten und seine Warnungen vor historischen Wiederholungen wirken heute, in einer Zeit globaler Krisen, beunruhigend aktuell.
Mit „ICH, DER GEFRORENE STURM“ kehrt das Freie Theater Bozen an den Ursprung einer prägenden künstlerischen Beziehung zurück – nicht als nostalgische Rückschau, sondern als gegenwärtige Befragung eines Autors, dem das Ensemble viel verdankt.
ICH, DER GEFRORENE STURM
Waltherhaus Bozen
30. Dezember 2025, 20 Uhr
Weitere Informationen: www.ftb.bz.it
Reservierung: 376 0335289 – Eintritt frei
Livestream: https://youtube.com/live/_v7w2gFH_GE?feature=share
Im Bild: Heiner Müller/c-Heiner Müller Archiv