Vom Sofa zur Kunst: Freuds Wien heute entdecken

Sigmund Freud, Porträt von Wilhelm Victor Krausz, 1936. © David Peters / Jüdisches Museum Wien, 2025

Wer die Berggasse 19 in Wien betritt, spürt sofort die besondere Atmosphäre dieses Ortes. Hier lebte und arbeitete Sigmund Freud 47 Jahre lang, bevor er 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Heute ist das Haus nicht nur eine Gedenkstätte, sondern ein pulsierendes Museum, das Geschichte, Wissenschaft und Kunst miteinander verwebt. Seit der umfassenden Sanierung 2020 zeigt das Sigmund Freud Museum seine Sammlung in völlig neuem Licht: die historischen Wohn- und Ordinationsräume, wechselnde Ausstellungen, eine Konzeptkunstsammlung und ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm.

In den original erhaltenen Räumen der Familie Freud wird das Leben des Begründers der Psychoanalyse greifbar. Besucher:innen erfahren hier, wie Freud die menschliche Psyche erforschte, wie er die Traumdeutung entwickelte und welchen Einfluss seine Arbeit bis heute auf Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft hat. Die Dauerausstellung nimmt die Gäste mit auf einen Rundgang durch die privaten Räume, die Ordination und die Beletage, wo Europas größte Fachbibliothek der Psychoanalyse mit neuem Lese- und Vortragssaal untergebracht ist. Persönliche Gegenstände, Handschriften, Originalschriften und Fotografien machen das Familienleben und den Arbeitsalltag der Freuds lebendig.

Besonders eindrucksvoll ist Freuds leerer Behandlungsraum. Die berühmte Couch, auf der Patient:innen einst Platz nahmen, ist bewusst nicht rekonstruiert – sie bleibt als Leerstelle spürbares Symbol für Flucht, Verlust und die dunkle Geschichte des Nationalsozialismus. Über eine AR-Installation kann die Couch virtuell wieder erscheinen, ein interaktives Erlebnis, das Geschichte auf moderne Weise erfahrbar macht.

Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Psychoanalyse und Freud selbst lebt das Museum von seiner künstlerischen Seite. Im Hochparterre, wo Freud einst „Die Traumdeutung“ schrieb, präsentiert die Konzeptkunstsammlung Werke von Joseph Kosuth, John Baldessari, Susan Hiller, Franz West und vielen anderen. Diese Arbeiten setzen sich mit den Themen auseinander, die Freud selbst beschäftigten: menschliche Wahrnehmung, Erinnerung, Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen – alles eingebettet in die historische Aura des Hauses.

Die Berggasse 19 ist auch ein Ort des Gedenkens. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Bewohner:innen, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen, und erinnert an die Schicksale der Familie Freud und ihrer Mitmenschen. 76 Menschen mussten hier auf ihre Deportation warten, viele wurden ermordet. Die Namen sind auf einer Gedenkwand sichtbar – ein stiller, aber eindringlicher Mahnstein für die Besucher:innen.

Ein Besuch im Sigmund Freud Museum ist mehr als ein Museumsbesuch: Es ist eine Reise durch Geschichte, Psychoanalyse und Kunst, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – und die ihn in allen Facetten spüren lässt. Wer Wien besucht, kann hier eintauchen in ein Stück Weltgeschichte, die noch immer lebendig ist.

Adresse: Sigmund Freud Museum, Berggasse 19, Wien IX
Öffnungszeiten: Täglich 10–18 Uhr, Mittwoch & Freitag bis 21 Uhr
Weitere Infos: www.freud-museum.at

Im Bild: Wartezimmer von Freuds Praxis (C) Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung