Mit der Retrospektive „Nicola L. – I Am The Last Woman Object“ (noch bis zum 01.03.2026 geöffnet), präsentiert das Museion eine außergewöhnliche Ausstellung, die das vielschichtige Werk einer Künstlerin neu entdeckt, die sich konsequent jeder Schublade entzogen hat. Es ist die erste Museumsausstellung von Nicola L. in Italien und zugleich die bislang umfassendste Präsentation ihres Schaffens weltweit – ein kulturpolitisches wie künstlerisches Statement von internationaler Tragweite.
Nicola L. (1932 in El Jadida, Marokko – 2018 in Los Angeles) entwickelte ab Mitte der 1960er-Jahre ein Werk, das spielerisch und radikal zugleich ist. Skulptur, Malerei, Zeichnung, Collage, Performance und Film verschmelzen bei ihr zu einer Praxis, die von subversivem Humor, gesellschaftlicher Kritik und einer tiefen Sehnsucht nach Gleichheit und Kollektivität getragen wird. Obwohl ihre Arbeiten oft im Umfeld von Pop Art, Nouveau Réalisme, Feminismus oder Design verortet wurden, bleibt ihr Œuvre bewusst offen – thematisch wie formal. Kosmologie, Spiritualität, Sexualität, Umweltschutz und politischer Widerstand stehen bei ihr gleichberechtigt nebeneinander.
Ein zentrales Motiv ihres Werks ist die Durchlässigkeit von Grenzen – zwischen Kunst und Leben, Körper und Objekt, Individuum und Gemeinschaft. Besonders eindrücklich wird dies in ihren ikonischen anthropomorphen Skulpturen, die zugleich als funktionale Möbel entworfen sind. Lampen in Augen- oder Lippenform, Sofas als überdimensionierte Körper, Füße oder Hände unterlaufen humorvoll und scharf zugleich tradierte Geschlechterrollen und häusliche Machtverhältnisse. Werke wie Little TV Woman: “I Am the Last Woman Object” (1969) oder die über Jahrzehnte weiterentwickelte Femme Commode (1969–2014) üben eine deutliche Kritik an der Objektifizierung von Frauen – und behalten dabei eine überraschende Leichtigkeit.
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den sogenannten pénétrables: großformatige Leinwandarbeiten und textile Objekte, die ab den 1960er-Jahren entstanden und dazu einladen, buchstäblich „in eine andere Haut zu schlüpfen“. Sonne, Mond oder Atmosphäre werden zu Erfahrungsräumen, die Nicola L.s ganzheitliche, nicht egozentrische Weltsicht verkörpern. Daraus entwickelte sie interaktive Arbeiten wie Mäntel, Umhänge, Teppiche und Environments, in denen mehrere Menschen gemeinsam agieren. Das wohl bekannteste Beispiel ist der „Fur Room“ (1970/2020), der in rekonstruierter Form im Museion wieder zugänglich ist – ein sinnlich-politischer Raum kollektiver Erfahrung.
Diese partizipatorischen Arbeiten, ebenso wie das Schlüsselwerk Red Coat (1969), entspringen Nicola L.s utopischer Idee eines gemeinsamen Körpers mit „derselben Haut für alle“ – unabhängig von Herkunft, Klasse oder Geschlecht. Eine Vision, die heute, in Zeiten wachsender Polarisierung, besondere Aktualität gewinnt.
Die Retrospektive zeigt zudem Zeichnungen, Graphic Novels, Collagen und Experimentalfilme. In Serien wie den „Femmes Fatales“ (2006) – Collagen auf Bettlaken – erinnert Nicola L. an Frauen wie Frida Kahlo, Marilyn Monroe oder Billie Holiday und thematisiert Ruhm, Gewalt und Verletzlichkeit. Auch ihre Hommagen an politische Außenseiterinnen und Aktivistinnen verdeutlichen ihr Interesse an widerständigen Biografien.
Insgesamt vereint die Ausstellung über 80 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten. Die Ausstellungsarchitektur von Studio Manuel Raeder, inspiriert von Nicola L.s spielerischem Umgang mit Raum, eröffnet lebendige Einblicke in ihre Lebens- und Wirkungsorte – von privaten Wohnräumen bis zu urbanen Interventionen weltweit.
Die Schau ist Teil der neuen Museion-Forschungsreihe THE SOFTEST HARD, die Kunst als urbane und gesellschaftliche Praxis des gewaltfreien Widerstands versteht. Nicola L.s „weiche Protestformen“ setzen in einer von Krisen geprägten Gegenwart ein leises, aber eindringliches Zeichen für Solidarität, Verbundenheit und radikalen Optimismus.
Begleitet wird die Ausstellung von einer reich bebilderten Monografie, erschienen bei Lenz Press (Mailand). Die Publikation enthält neue wissenschaftliche Beiträge sowie vertiefende Texte zu zentralen Werkgruppen und entstand in Zusammenarbeit mit allen vier Partnerinstitutionen. Sie erweitert die Ausstellung um eine nachhaltige theoretische und historische Perspektive.
Mit dieser Retrospektive macht das Museion deutlich, wie aktuell Nicola L.s Werk heute ist – als Einladung, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern als gemeinsamen Raum zu begreifen: offen, widerständig und zutiefst menschlich.
Öffnungszeiten
Montag geschlossen
Dienstag 10:00–18:00
Mittwoch 10:00–18:00
Donnerstag 10:00–22:00
Freitag 10:00–18:00
Samstag 10:00–18:00
Sonntag 10:00–18:00
Im Bild: Nicola L. in ihrer Wohnung im Chelsea Hotel in New York, 1989. Photo: Rita Barros, © Nicola L. Collection & Archive