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WAS UNS WICHTIG IST! Künstlerische Perspektiven auf Kulturerbe

12 Agosto 2022

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WAS UNS WICHTIG IST! Künstlerische Perspektiven auf Kulturerbe

Graffiti-Intervention „Schande, Schande, Schande“ auf dem Karl Lueger-Denkmal in Wien, 2021/22

Wien. Volkskundemuseum
Eröffnung: Do, 1.9.2022, 19.00 Uhr 
Fr, 2.9. bis So, 30.10.2022 

Ob Kunstwerke, Architektur, Brauchtum oder Handwerk – eine Gesellschaft definiert sich nicht zuletzt über ihre kulturelle Vergangenheit. Die Meinungen jedoch, was heute zum Kulturerbe zu zählen ist, gehen weit auseinander und sorgen für Kontroversen, wenn man beispielsweise an die Denkmaldebatte rund um die Karl Lueger-Statue denkt. Das Kulturerbe ist nicht mehr von der Tradition vorgegeben, es muss immer neu ausgehandelt werden, will es möglichst inklusiv und damit identitätsstiftend sein.
Der bildenden Kunst kommt in der Auseinandersetzung mit dem noch „Ungedachten des Kulturerbes“, so Bénédicte Savoy, eine besondere Bedeutung zu. Auch Aleida Assmann, die deutsche Doyenne rund um das Thema kulturelles Gedächtnis, konstatiert: „Natürlich sind es die Künstler*innen, die dieses Ungedachte ins Bewusstsein holen“.
Die Ausstellung Was uns wichtig ist! versammelt 18 künstlerische Positionen, die Fragen rund um das kulturelle Erbe aufwerfen und einen Beitrag zum Neuverhandeln leisten. Es ist eine beispielhafte, nicht-repräsentative Auswahl an Positionen, die gesellschaftliche Wertigkeiten verschieben, hervorheben, kritisieren und einen Raum für Diskussionen rund um die gegenwärtigen Konflikte um die kulturelle Definitionsmacht aufmachen: Die Arbeiten machen Vorschläge, was als „sicherungswürdig“ betrachtet wird, stellen aktuelle Kontexte her, subjektivieren das Vermächtnis radikal und beleuchten auch das sogenannte Difficult Heritage. Dazu gehört das faschistische Erbe oder auch Fragen rund um Raubkunst/Kolonialismus.
Das Kulturerbe hatte im 19. Jahrhundert eine immense politische und kulturelle Bedeutung. Das Volkskundemuseum Wien wie das vorarlberg museum (Ausstellungseröffnung 3.12.22) wurden in dieser Zeit gegründet, um das zu bewahren, was die Gesellschaft als wichtig erachtet hat. Die Ausstellung ist in dieser Geschichte verortet: Alte Ausstellungsansichten der beiden Museen dienen als Ausgangspunkt für die szenografische Gestaltung.
Denn was nicht erst durch die Debatte um den sogenannten Canaletto-Blick in Wien bekannt ist – er gilt als maßgeblich für den Weltkulturerbestatus der Stadt – können auch eine Sichtachse, bestimmte Präsentationsformen oder technische Hilfsmittel Sehgewohnheiten prägen und sie dadurch zum immateriellen Kulturerbe machen.
In der Szenographie werden daher ursprüngliche Elemente der Ausstellungsgestaltung des 19. Jahrhunderts aufgegriffen. Auf Basis dieser historischen Konzepte entwickeln die zeitgenössischen Kunstwerke ihre Wirkung – im Sinne von Isaac Newton, der 1675 an einen Kollegen schrieb: „If I have seen further, it is by standing on the shoulders of Giants.“ (Wenn ich weitergesehen habe, dann weil ich auf den Schultern von Riesen stand).
Die finanzielle Unterstützung des Zukunftsfonds Österreich hat eine eigenständige und neue Arbeit der Künstlerin Tatiana Lecomte in Auseinandersetzung mit dem Volkskundemuseum und seinen Archiven ermöglicht: Die Künstlerin hat in der Datenbank des Volkskundemuseum Wien nach Gegenständen gesucht, deren Funktion heute nicht mehr bekannt ist, weil die Dinge in den überwiegenden Fällen für den zeitgenössischen Lebensalltag obsolet geworden sind. Durch das Fehlen von Hinweisen auf ihre Herkunft, Entstehungszeit etc. geht ihre Bedeutung mehr und mehr verloren und damit auch ihre historische Einordenbarkeit.
Tatiana Lecomte interessiert diese (historische) Fehlstelle: die versammelten Dinge, die sie als Fotogramme in zusätzlich abstrahierter Form präsentiert, stehen sinnbildhaft für die Schwierigkeit, Vergangenheit zu deuten und die Fehlstellen mit Historie aufzufüllen. Das Museum wird als ein Ort der Konstruktion von Geschichte thematisiert: es ist ein Ort der Interpretation, wo (basierend auf zeitgenössischen Recherchen und damit freilich auch den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen) laufend Kategorisierungen, Wertungen, Hierarchisierungen etc. vorgenommen werden.

Tatiana Lecomte, geboren 1971 in Bordeaux (Frankreich), lebt und arbeitet in Wien. 1991–1992 Académie des Beaux-Arts Lyon. 1993–1995 Meisterklasse für Malerei Graz. 1995–2002 Universität für angewandte Kunst Wien. 1998–2000 Gerrit Rietveld Academie Amsterdam. 2011 Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für Medienkunst (Künstlerische Fotografie), 2004 Förderungspreis des BKA für künstlerische Fotografie.
Tatiana Lecomte beschäftigt sich in ihrer Arbeit seit vielen Jahren mit Erinnerungskultur, insbesondere künstlerischen Methoden der Erinnerungsarbeit in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Regime. Ihr Werk umfasst neben Fotografie auch Film und Interventionen im öffentlichen Raum. Zahlreiche Ausstellungen u.a. 2018 Lentos Kunstmuseum Linz.

Kuratorinnen: Christa Benzer, Sabine Benzer in Zusammenarbeit mit Relevanzen. Verein zur Förderung des Dialogs rund um das Kulturerbe.
Christa Benzer, Redaktionsmitglied der Kunstzeitschrift springerin – Hefte für Gegenwartskunst. Sie ist freie Mitarbeiterin der Tageszeitung Der Standard und schreibt für Magazine (u.a. Kolik Film), Bücher (u.a. Textbeitrag zum Buch Eine eigene Geschichte. Frauen Film Österreich seit 1999, Hrsg. Isabella Reicher, 2020) und Künstler*innenkataloge. Sie ist Mitherausgeberin der Publikation Continuing Dialogues – A Tribute to Igor Zabel. Kuratorin der Performancereihe 13 Lessons in Performance Art, Top Kino, 2009, und der Ausstellung I’ve left, Off Space, Wien, 2019. Zuletzt Jurytätigkeit für Sixpackfilm und den Filmpreis GLORIETTE. 
Sabine Benzer, Studium Kunstgeschichte und Kulturmanagement in Wien, Geschäftsführung Theater am Saumarkt in Feldkirch, Wahlpflichtfach Kulturvermittlung und Kulturmanagement am Gymnasium Schillerstraße in Feldkirch, Lehraufträge Kulturvermittlung an der PH Vorarlberg.
Publikationen u. a. Kulturmanagement. Zur Diskussion, Wien 1997; Creating the Change. Maßnahmen zur Verbesserung der Situation kulturschaffender Frauen, Wien 2006; Warum macht Kultur uns so glücklich? Gespräche über die Zusammenhänge zwischen Kunst, Kultur und Glück, Wien/Bozen 2013; Kultur für alle. Gespräche über Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie in Kunst und Kultur, Wien/Bozen 2016; Kulturelles Erbe. Was uns wichtig ist. Wien-Bozen 2020.

Ausstellungsgestaltung: Gregor Eldarb

Künstler*innen: Muhammet Ali Baş, Ricarda Denzer, Carola Dertnig, Gregor Eldarb, Vasilena Gankovska, Andrés Ramírez Gaviria, Nilbar Güreş, Anna Jermolaewa, Belinda Kazeem-Kamiński, Aglaia Konrad, Tatiana Lecomte, Toni Schmale, Susanne Schuda, Johannes Schweiger, Viktoria Tremmel, Maja Vukoje, Klemens Wihlidal und Hannes Zebedin.  

Im Bild: Anna Jermolaewa, Leninopad, 2016. Ausstellungsansicht, Kerstin Engholm Galerie/c-Stefan Lux

 

 

 

 

 

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