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Innsbruck. Reiner Schiestl setzt im Tiroler Volkskunstmuseum über 80 Collagen in Beziehung zu den Heiligenfiguren im Ausstellungsbereich „Pralles Jahr“.

30 Marzo 2017

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Innsbruck. Reiner Schiestl setzt im Tiroler Volkskunstmuseum über 80 Collagen in Beziehung zu den Heiligenfiguren im Ausstellungsbereich „Pralles Jahr“.

Ausgangsmaterial seiner „Nothelfer“ sind Aquarelle. Aus den Fragmenten setzt er überlieferte und neu erfundene Heilige zusammen, die durch Form- und Farbgebung einen stimmigen Zyklus ergeben.

Der Tiroler Künstler Reiner Schiestl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Nothelfern. Darunter versteht man Heilige, die vor allerlei Gefahren schützen und als Vorbilder dienen können. Die Legenden, die sie umgeben, meist dramatisch und von Folterungen geprägt, dienen dem Künstler als Ausgangspunkt für seine künstlerische Arbeit. Er verbindet Collagen mit begleitenden Erzähltexten, entwickelt so die Geschichten der Nothelfer weiter und erfindet sogar gänzlich neue Heilige. In seiner Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum setzt Schiestl seine Arbeiten in Beziehung zu den im Museum vorkommenden Heiligenfiguren – in Konfrontation und künstlerischer Koexistenz.

„Reiner Schiestls Nothelfer stellen die Schausammlung des Tiroler Volkskunstmuseum in ein neues Licht. Mit seinen Collagen bietet er den Besucherinnen und Besuchern spannende Anknüpfungspunkte in einem ausgewählten Themenbereich“, betont PD Dr. Wolfgang Meighörner, Direktor der Tiroler Landesmuseen.

Inspiration auf dem Jakobsweg

Am Beginn der Beschäftigung mit Heiligen und deren Legenden stand für Schiestl der Jakobsweg in Südtirol, den er im Jahr 2012 gemeinsam mit einer Gruppe von St. Jakob im Sand bis ins Schweizerische Müstair beging. Zum Schlüsselerlebnis wurde die Skulptur der St. Apollonia in der gleichnamigen Kirche bei Grissian im Etschtal. Die nach Schiestls Auffassung absurden Details in diversen Heiligenlegenden veranlassten den Künstler zur Auseinandersetzung mit jenen Figuren, die im Katholizismus die Rolle der Vorbilder und Beschützer einnehmen.

Bildcollagen

Für die künstlerische Umsetzung seiner Motive zerschneidet Schiestl alte Landschaftsaquarelle, die er in Innsbruck und im spanischen Medinaceli schuf, und collagiert sie zu neuen Bildern. Begleitend zu den Collagen entwickelt er auf der Basis von überlieferten Legenden neue begleitende Erzähltexte. Seine Technik interpretiert der Künstler augenzwinkernd als „angewandte Metapher für das Leid“, das Heilige in den Legenden, oft grenzenlos fantastisch erzählt, erfahren müssen. Die Weiterentwicklung von überlieferten Geschichten gipfelt bei Schiestl schließlich in der Kreation von neuen Heiligen und deren Biografien wie zum Beispiel dem heiligen Stuhl, heiligen Strohsack oder heiligen Bimbam. Der Künstler befüllt damit den Heiligenkalender mit einer großen Portion Humor neu. Die Collage ist für ihn nicht nur künstlerische Technik, sie ist auch eine Methode, tradierte Legenden zu zerlegen und erzählerisch neu zusammenzusetzen. Im ironischen Verwirrspiel zwischen fiktiven und wirklichen Figuren liegt der Reiz bei Schiestls Heiligenschar. Schiestls Nothelfer übersteigen die gemeinhin bekannte Anzahl der vierzehn: Mit qualvoll leidenden und keck herausfordernden Blicken laden nun insgesamt 87 Bildcollagen im Volkskunstmuseum die BesucherInnen dazu ein, sich deren Geschichten auszumalen.

Heiliger Strohsack

Der heilige Strohsack ist einer von Schiestls erfundenen Nothelfern. Ausgangspunkt der Figur war für den Künstler der Ausruf: „Ach du heiliger Strohsack!“. Er entwickelt daraus den Patron gegen Frost und klirrende Kälte. Schiestl erzählt in der Legende rund um den heiligen Strohsack von einem strengen Winter, in dem sogar die Hasen mitten im Sprung erfroren seien. Erzengel Gabriel habe deshalb einen himmlischen Strohsack ergriffen und ihn auf die Erde gesandt. Das Unterbett sollte die armen Menschen wärmen und sie lehren, wie sie ohne teure Wolldecken überwintern könnten.

Seine echten und erfundenen Heiligen zeigt Schiestl auf seinen Collagen gemeinsam mit ihren Attributen. Oft lassen sich die Nothelfer erst daran erkennen. Unter den Attributen finden sich neben bekannten, wie z. B. einer Kerze für den heiligen Blasius oder einem Boot für die heilige Ursula, auch außergewöhnliche wie ein Damenbart für die heilige Kümmernis oder ein spätgotischer Schemel mit herzförmigem Griffloch für den heiligen Stuhl.

Collagen im „Prallen Jahr“

Schiestls Collagen werden im ersten Stock des Volkskunstmuseum im Ausstellungsbereich „Pralles Jahr“ präsentiert. Christliche Festtage, die den Jahreslauf strukturieren, gestalten diesen Teil der Schausammlung. Dadurch wird die enge Verknüpfung von wichtigen Terminen des vormodernen Lebens und der landwirtschaftlichen Arbeitswelt mit Gedenktagen der Heiligen verdeutlicht.

Schiestls Nothelfer gehen auch Beziehungen mit bereits im „Prallen Jahr“ langjährig ausgestellten Heiligen oder deren Attributen ein. So wird die Collage von Johannes dem Täufer in Blickweite der Johannes-Schüssel gezeigt, deren Berührung früher Erlösung von Kopfschmerzen versprach. Hinter der Statue des mit Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastians präsentiert Schiestl seine Collage des Heiligen.

Eine Auswahl von acht Bildern wird auf Sockeln inmitten der Objekte der Schausammlung gezeigt. Alle Aquarell-Collagen sind im Format 70 x 50 cm und wurden vom Künstler handschriftlich benannt und signiert. Neben den 87 Bildern werden in Vitrinen auch dreizehn Papierfiguren, die Schiestl ebenfalls aus zerschnittenen Aquarellen fertigte, präsentiert. Genau wie seine Collagen, stellen auch diese dreidimensionalen Objekte Heilige und ihre Geschichten dar.

Über den Künstler

Reiner Schiestl wurde 1939 in Kufstein geboren und lebt heute in Innsbruck und Spanien. Er studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Franz Elsner. Lange Malreisen führten ihn u. a. in die USA, nach Frankreich, China, Ägypten, Nordafrika, Südamerika und Spanien. Schiestl bedient sich einer breiten Palette an künstlerischen Techniken: Acrylmalerei, Aquarell, Tusche-, Pinsel- und Federzeichnung, Collage, Radierung, Linolschnitt, Mosaik und Steinbildhauerei. Anregung für seine Werke findet er in der Natur, Literatur und Tagespolitik. Der Künstler ist auch als Autor tätig.

Im Bild:  Nothelfer Sebastian/c- Wolfgang Lackner         

 

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